Wirtschaft

Konjunktur Der Sachverständigenrat berät die Bundesregierung – doch wie kommen seine Prognosen auch während Corona zuverlässig zustande? Ein Besuch

Fünf Weise für ein Gutachten

Archivartikel

Wiesbaden.Der Tagungsort könnte kaum besser gewählt sein, die Sicht ist beeindruckend. Der rundum verglaste Sitzungssaal im 13. Stockwerk des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden bietet Weitblick in alle Richtungen. Genau das ist es, was die sogenannten Wirtschaftsweisen für ihr Prognosen benötigen. Am Horizont ist der Taunus mit seinen sanften Hügeln zu erkennen. Ökonomisch sind die Aussichten in der Pandemie weniger erbaulich. Deutschland in der Rezession, millionenfache Kurzarbeit, ein landesweiter Teil-Lockdown – in dieser unübersichtlichen Lage treffen die Wirtschaftsweisen ihre Prognose.

40 Tage zur Beratung

Offiziell heißt das fünfköpfige Gremium „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“. Jedes Jahr kommen die Fachleute an rund 40 Tagen in Deutschlands zentraler Statistikbehörde zusammen. Dort sollen sie gemäß ihres offiziellen Auftrags eine Bestandsaufnahme der wirtschaftlichen Lage im Land vornehmen und den Regierenden aufzeigen, mit welchen Entwicklungen zu rechnen ist. Selten war diese Arbeit aber so kompliziert wie in diesem Jahr. Trotzdem werden die Ratsmitglieder am Mittwoch ihr Gutachten an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übergeben. Wie immer im November, aber erstmals virtuell.

Doch wie lässt sich eine fundierte Prognose treffen, wenn ein Virus die Welt auf den Kopf stellt? Normalerweise tagt das Gremium komplett hinter verschlossenen Türen. Unsere Redaktion hat aber die seltene Gelegenheit, bei einer Beratungssitzung für knapp zwei Stunden dabei zu sein – wegen der Pandemie nur per Videozuschaltung. Inhalte oder Details des Berichts dürfen im Vorfeld nicht nach außen dringen. Klar ist dennoch: Corona ist 2020 das beherrschende Thema. Bei dem Treffen an diesem Morgen geht es vor allem um die Frage, in welcher Form die Auswirkungen der Pandemie einfließen.

Soll die Prognose die Aussicht zu einem bestimmten Stichtag abbilden? Oder ist es in der fortschreitenden Pandemie sinnvoller, Risikoszenarien zu entwerfen? Wie fließen steigende Infektionszahlen ein? Immerhin sind sie das entscheidende Kriterium für die Verhängung neuer Auflagen. Was ist mit weiteren Shutdowns?

Kurz darauf geht es an die Textarbeit. Satz für Satz, Wort für Wort wird durchgegangen. Soll etwa im Kapitel zur internationalen Konjunktur von einer „unerwartet schnellen“ Einführung einer Impfung die Rede sein? Oder ist das schon wertend? Gegenvorschlag: eine „besonders schnelle Einführung“. Der Kompromiss lautet am Ende: eine Impfung, die „schneller als erwartet“ komme. So geht es über mehr als 400 Seiten.

Lars Feld, Wirtschaftsprofessor aus Freiburg und derzeit Vorsitzender des Rats, ist schon seit 2011 Mitglied des Gremiums. Doch das Jahr 2020 sieht er als besondere Herausforderung. „Eine Pandemie ist schon ein außergewöhnliches Ereignis, das von außen auf uns einstürzt“, sagt Feld. Durch die Erfahrungen aus dem ersten Corona-Lockdown sei es inzwischen aber einfacher, eine Berechnung vorzulegen. „Jetzt sehen wir vor dem Hintergrund der Entwicklung, die wir schon hinter uns haben, wie sich die Infektionen auf unterschiedliche Bereiche der Wirtschaft auswirken.“

Erwartungen haben Einfluss

Hier eine Einschätzung zu geben, sei heute einfacher als im vergangenen Frühjahr. Volker Wieland, Experte für Geldpolitik an der Universität Frankfurt, geht allgemeiner auf den Stellenwert von Vorhersagen ein. Es gebe eine enge Verknüpfung zwischen der Erwartung an Prognosen und dem Verhalten der Wirtschaft. „Wenn ein Unternehmen hört, es wird schlecht, dann investiert es unter Umständen nicht und verschärft damit womöglich die Rezession.“ Die Erwartungen beeinflussten somit das Handeln.

Die Politik hört jedoch nicht immer auf die Sachverständigen. Es heißt, Kanzlerin Merkel habe das Gutachten bislang stets freundlich entgegengenommen – und höflich ignoriert. Erst mit Corona habe sich das geändert. Das Kanzleramt sei offener für Ratschläge.

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