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Biotechnologie Europäischer Gerichtshof stellt klar, dass die rund 18 Jahre alten Regeln auch für neue Verfahren gelten

Gentechnik bleibt Gentechnik

Archivartikel

Brüssel/Straßburg.Unabhängig von der Methode, mit der die Genstruktur von Organismen verändert wurde, müssen solche Eingriffe umfangreich geprüft, zugelassen und gekennzeichnet werden. Dies hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg gestern entschieden. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.

Um was ging es in dem Verfahren genau?

Forscher können heute mit der Gen-Schere Crispr-Cas zielgenau in das Erbgut von Pflanzen schneiden und es verändern – beispielsweise resistent gegen Schädlinge machen. So etwas passiert auch auf natürlichem Weg ständig. Im Labor wird diese sogenannte Mutagenese zielgerichtet genutzt. Dabei kann es nach Auffassung der Richter genauso zu Gefahren kommen wie bei Veränderung der genetischen Struktur mit früheren Methoden.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Das Gericht hat festgestellt, dass es sich unabhängig von der Methode um gentechnisch veränderte Organismen (GVO) handelt. Deshalb müssen sie ebenfalls den Regelungen, die in der einschlägigen EU-Richtlinie aus dem Jahr 2001 festgelegt wurden, unterworfen werden. Das heißt: Es ist eine gründliche Sicherheitsüberprüfung nötig. Bei der Vermarktung bleibt eine deutliche Kennzeichnung zwingend erforderlich.

Der Europäische Gerichtshof hat neue Verfahren wie die Gen-Schere also nicht verboten?

Nein. Es hat lediglich festgestellt, dass die Eingriffe in das Erbgut von Organismen rechtlich gleich zu bewerten sind und dass es „gemeinsame Gefahren“ gibt.

Welche Gefahren genau sind damit gemeint?

Es geht vor allem darum, dass GVO nicht einfach freigesetzt oder im Supermarkt als Bestandteile von Lebensmitteln verkauft werden dürfen. Bei den neuen Pflanzen, die mit Hilfe der Mutagenese verändert wurden, kommt ein weiteres Risiko hinzu. Da die gezielten Eingriffe in die Genstruktur nicht mehr nachweisbar sind, können solche „Risiko-Organismen“ später nicht mehr erkannt oder lokalisiert werden. Am Ende wäre es sogar möglich, dass sie die natürliche Flora durchsetzen, weil sie widerstandsfähiger sind.

Das Erbgut von Pflanzen und Tieren lässt sich auch durch Züchtungen verändern. Gilt das Verbot auch dafür?

Nein, auch dabei gibt es Risiken, diese seien jedoch nicht so hoch und unkontrollierbar wie bei den Eingriffen in die Genstruktur, urteilte das Gericht.

Was heißt das für mich als Verbraucher?

Das Urteil schafft zweifellos Sicherheit, weil der Verbraucher nun weiß, dass grundsätzlich jeder Eingriff in die DNA von Organismen aufgedeckt werden muss. Und dass jedes Lebensmittel, in dem solche Produkte verwendet wurden, einen deutlichen Hinweis zu tragen hat. In der Bundesrepublik sind allerdings ohnehin nur sehr wenige Produkte mit GVO erhältlich.

Wie fallen die Reaktionen auf das Urteil aus?

Für die Gegner der Gentechnik wie Greenpeace bedeutet das Urteil einen klaren Sieg. Die Organisation forderte die EU-Kommission und das Europäische Parlament auf, nun sicherzustellen, dass ausnahmslos alle GVO den geltenden Sicherheitsbestimmungen unterworfen werden. Der Koalitionspartner SPD forderte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) auf, ein Gesetz vorzulegen, das den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland grundsätzlich untersagt.

Dagegen kritisierte Bauern-Präsident Joachim Rukwied, das Urteil verbaue die Möglichkeiten, mit Hilfe von Pflanzenzüchtung auf die Herausforderungen des Klimawandels zu reagieren. „Die derzeitige Dürre zeigt uns exemplarisch, dass wir zukünftig beispielsweise trockenheitstolerantere Sorten brauchen“, sagte Rukwied. Der Verband der Chemischen Industrie nannte das Urteil „rückwärtsgewandt“ und „fortschrittsfeindlich“. Es schade der Innovationsfähigkeit des Biotech-Standorts EU erheblich. (mit dpa)

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