Wirtschaft

Internet Münchener Zahlungsabwickler Wirecard verdrängt Commerzbank aus dem Dax / Was steckt hinter dem jungen Unternehmen?

Geradewegs in die erste Börsenliga

Archivartikel

München.Der Weg zu einem der verheißungsvollsten deutschen Unternehmen führt durch ein Industriegebiet im Osten Münchens, entlang an Bahngleisen, einem Budgethotel und einer Imbissbude. Im Vorort Aschheim hat der Dax-Aufsteiger Wirecard seine Zentrale. Der Zahldienstleister sitzt in einem unscheinbaren Betonbau; kein Glasturm, keine protzige Empfangshalle, wie bei Konzernen üblich.

Dabei ist Wirecard mit seinen nur 4500 Mitarbeitern an der Börse schon mehr als 23 Milliarden Euro wert – mehr als die Deutsche Bank und mehr als doppelt so viel wie die Commerzbank. Letztere, ein Dax-Gründungsmitglied, muss nun den Platz für Wirecard räumen. Denn Investoren sind geradezu begeistert vom Geschäftsmodell der Bayern.

Wirecard ist im Online-Handel allgegenwärtig, ohne dass es Verbrauchern auffällt. Das Unternehmen ist keine klassische Bank, verfügt aber über eine Banklizenz und verdient Geld mit der Abwicklung von digitalen Zahlungen. Wirecard liefert dafür Schnittstellen und Infrastruktur – ob an der Ladenkasse, über Handy, herkömmliche Computernetzwerke oder Karten.

1999 gegründet, verdiente das Unternehmen anfangs auch Geld mit Zahlungen für Glücksspiel und Pornografie. Solchen Schmuddelecken ist es entwachsen, Wirecard kooperiert mit Konzernen wie der Fluglinie KLM, großen Banken sowie dem Kreditkartenanbieter Visa.

Drei Milliarden Euro Umsatz

„Ziel des Vorstands ist es, kraftvoll organisch die Welt zu erobern“, verkündete Chef Markus Braun wenig bescheiden im Frühjahr. Er weiß starke Fakten hinter sich: Im ersten Halbjahr flossen Zahlungen in Höhe von gut 56 Milliarden Euro über die Wirecard-Plattform.

Für Fantasie an der Börse sorgt die Zusammenarbeit mit den IT-Riesen Google und Apple aus den USA sowie Alibaba und Tencent aus China. Wenn chinesische Touristen über das Chatprogramm WeChat hierzulande einkaufen, wickelt Wirecard die Zahlung gegen Gebühr ab. Händler müssen die Rechnung der Käufer nur auf dem Smartphone per Gerät scannen, wie Wirecard im eigenen Ausstellungsraum demonstriert. Auch smarte Armbanduhren sind dort zu sehen, deren Display Kunden zum Zahlen an ein Kassenterminal halten können.

Noch wird der Großteil der weltweiten Zahlungen mit Bargeld beglichen. Doch Innovationen wie Zahlen per Smartphone von unterwegs dürften das mittelfristig ändern. Wirecard-Chef Braun glaubt, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren die gesamte Zahlinfrastruktur im Einzelhandel durch digitale Technologie abgelöst wird.

Die Investoren hat Wirecard mit wachsenden Gewinnen verwöhnt. Jüngst wurde die Prognose erhöht, der Umsatz soll sich bis 2020 auf über drei Milliarden Euro verdoppeln. Dafür werde der Konzern auch neue Branchen stärker in den Blick nehmen, kündigte der Manager an. Zahlungsabwicklungen für Streaming-Dienste etwa seien attraktiv.