Wirtschaft

Prozess Ex-Arcandor-Chef Mittelpunkt in Zivilverfahren

Häftling Middelhoff als Zeuge

Hamm.Beruf? "Häftling, Pensionär, Berufshäftling", sagt Thomas Middelhoff (Bild) gestern im Oberlandesgericht Hamm bei der Abfrage seiner Personalien. Beim Wohnort antwortet der ehemalige Topmanager mit "Gefängnis Bielefeld". Middelhoff, vom Landgericht Essen im November 2014 wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt, sitzt seine Strafe zurzeit im offenen Vollzug ab. Seit Jahren muss er sich in einem weiteren Zivilverfahren gegen die Forderungen des Arcandor-Insolvenzverwalters wehren. Der fordert von ihm und weiteren ehemaligen Vorständen des 2009 pleitegegangenen Arcandor-Konzerns (Karstadt, Thomas Cook) Millionen Euro für zu viel gezahlte Boni und Abfindungen zurück. Bei Middelhoff geht es außerdem um die Verquickung von privaten und dienstlichen Terminen. Rechnete er dafür Flüge mit Chartermaschinen falsch ab?

Da der ehemalige Bertelsmann-Chef in der Zwischenzeit selbst in die Insolvenz ging, wurde aus dem Beklagten Middelhoff vor dem OLG Hamm jetzt der Zeuge Middelhoff. Der Arcandor-Insolvenzverwalter streitet jetzt mit dem Insolvenzverwalter des 64-Jährigen um die Forderungen in Millionen-Höhe.

Flug für Flug erörtert

Im Zeugenstand antwortet Middelhoff ruhig auf alle Fragen. Vor sich ein Block mit wenigen Blatt Papier, in der Hand einen Kugelschreiber in Orange. Das OLG will klären, ob Middelhoff in seiner Funktion als Arcandor-Chef private und dienstliche Termine verquickt hat. Hätte er Flugkosten an der einen oder anderen Stelle anders abrechnen müssen? Flug für Flug geht das Gericht mit dem Zeugen durch. Middelhoff bleibt ruhig, hält die Hände vors Gesicht, kann aber fast alle Anlässe erklären. Wenn er sich an die zum Teil mehr als zehn Jahre zurückliegenden Flüge nicht mehr erinnern kann, leitet er anhand der Veranstaltungen Erklärungen ab.

Kurz nachdem der Zeuge und Häftling Middelhoff um 13.08 Uhr den Gerichtssaal verlässt, signalisieren im Raum plötzlich alle Beteiligten überraschend Vergleichsbereitschaft. Noch in diesem Jahr soll das Gericht einen Vorschlag vorlegen, um das Verfahren möglichst auch ohne Urteil zu beenden. (dpa)