Wirtschaft

Online-Einkauf Manche Turnschuhe sind so begehrt, dass automatisierte Programme eingesetzt werden, um sie zu kaufen

Händler trickst Software aus

Archivartikel

Frankfurt.Bots sind ein wachsendes Problem im Online-Handel. Doch Martin Schreiber, Mitgründer des Frankfurter Skate-Shops „Bonkers“, hat die automatisierten Computerprogramme mit einer simplen Idee ausgetrickst. Was war passiert? Wenn Schreiber limitierte Schuhe über den Online-Shop verkaufen wollte, gab es regelmäßig einen enormen Ansturm. Teils wurden Hunderttausende Aufrufe pro Minute auf der Website verzeichnet. Darunter waren auch Reseller, die eine hohe Stückzahl bestellen, um aus dem Weiterverkauf der exklusiven Sneaker Kapital zu schlagen.

„Die Leute haben automatisierte Bots angesetzt“, erklärt der 27-Jährige. Dadurch werden die Seiten immer wieder aktualisiert, bis sich eine Lücke auftut und auf das Produkt zugegriffen werden kann. Doch solche Bots hätten die Server regelmäßig lahmgelegt. Und das ging auch zu Lasten der normalen Sammler.

Um ein Zeichen gegen die Bot-Industrie zu setzen, arbeiteten die Betreiber mit einem Trick: „Wir haben auf unserer Seite digitale Bilder von Turnschuhen angeboten, das Paket zu 70 Euro“, sagt Schreiber. „Wir haben auch ganz klar gekennzeichnet, dass es sich um Fotos handelt.“ Damit seien sie rechtlich auf der sicheren Seite gewesen. Bei den programmierten Bots rutschte der Hinweis, dass es sich um ein Foto handelt, regelmäßig durch – und die Bildpakete wurden automatisch geordert.

Mode und Tickets betroffen

„Bots sind im Online-Handel nichts Neues“, sagt Martin Groß-Albenhausen vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel in Berlin. Sie gab es auch schon vor mehr als 15 Jahren. Damals wurden sie bei Auktionen im Internet eingesetzt und waren darauf programmiert, in Sekundenbruchteilen vor dem Auktionsende das höchste Gebot zu setzen. Doch das Problem im Online-Handel habe sich verlagert und sei größer geworden.

An die Bots gelangen Wiederverkäufer über bestimmte Internetadressen, wo sie für wenig Geld gekauft werden können. Rechtlich sind die Programme unbedenklich. Wer sich einen Bot runterlädt, macht sich laut dem E-Commerce-Experten also nicht per se strafbar. Vertraglich bewegen sich die Bot-Einkäufer jedoch in einer rechtlichen Grauzone. „Zu jedem Kaufvertrag gehört eine Willenserklärung. Wann und wie diese Willenserklärung abgegeben wird, ist beim Kauf mit Bots oftmals eine Frage des Einzelfalls.“

Bot-Attacken wie bei Schreiber seien besonders bei exklusiver Mode und bei Ticketverkäufen zu beobachten, sagt Groß-Albenhausen. Gerade wo limitierte Auflage auf eine große Nachfrage trifft, lohne sich für die Wiederverkäufer der Einsatz. Aus Verkäufersicht seien die Geschäfte zunächst nicht zu beanstanden, da die Ware bezahlt werde, sagt Groß-Albenhausen. Für Händler wie Schreiber sind sie dennoch ein Ärgernis. Zum einen will er seine Turnschuhe lieber an Liebhaber verkaufen. Zudem schaden überlastete Server seinem Geschäft.

„Seit einigen Jahren werden die Bot-Zugriffe tendenziell immer mehr“, sagt auch Philipp Hoffmann. Er ist für den Online-Shop von „Asphaltgold“ zuständig, einem großen Sneaker-Händler aus Darmstadt. Kein Wunder: Die Wiederverkäufer können oft ein Vielfaches des Ladenpreises erzielen. „Ein Schuh, der bei uns 130 Euro kostet, bringt im Wiederverkauf auch mal 500 oder sogar 1000 Euro.“

Die Aktion der Kollegen aus Frankfurt findet er „gut und couragiert“. Schreiber habe mit der Aktion ein echtes Problem der Branche in den Fokus gerückt hat. „Asphaltgold“ leistet sich eine spezielle Software im Kampf gegen die Bot-Attacken. Damit können einige Zugriffe vorher verhindert werden, erklärt Hoffmann. Bots, die bis dahin unerkannt bleiben, scheiterten dann größtenteils an Bilderrätseln oder Quizfragen, durch die die Software erkennt, ob es sich um einen menschlichen Kunden handelt.

Anfragen aus der ganzen Welt

Schreiber hat inzwischen eine gewisse Prominenz in der Branche erlangt. Nachdem er von seiner Taktik berichtete, bekam er Rückmeldungen aus der ganzen Welt – ob Interviewanfragen von Medien oder positives Feedback von mehreren großen Sportwarenherstellern. Er betont: „Uns geht es nicht darum, Profit heraus zu schlagen.“ So seien auch einzelnen Sammlern, die nur ein Schuhpaar kaufen wollten und den Bildhinweis übersehen hatten, die Ausgaben erstattet worden.

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