Wirtschaft

Russland Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin spürt Aufbruchstimmung / Mittelstand zufrieden

„Herzukommen war richtig“

Archivartikel

Sankt Petersburg.Martin Wolf sitzt am Ende eines langen Tages im Bus zu seinem St. Petersburger Hotel und ist zufrieden. Der Gründer des gleichnamigen Maschinenbauunternehmens aus Brackenheim (Kreis Heilbronn) kann sich vorstellen, wieder nach Russland zu liefern. So, wie er es früher bereits getan hat –seit Verhängung der EU-Sanktionen gegen das Land im Jahr 2014 aber nicht mehr. „Wir bekommen verstärkt Anfragen nach unseren Maschinen“, sagt Wolf. „Es war auf jeden Fall richtig, hierher zu kommen und sich vor Ort zu informieren.“

So wie er denken die meisten Teilnehmer an der Reise mit Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) nach Moskau und St. Petersburg. Dass in der Stadt am Newa-Fluss erst vor wenigen Tagen das letzte Eis getaut ist, hat Symbolcharakter – nicht nur Mittelständler aus dem Südwesten stellen sich auf ein nahendes Ende der frostigen Handelsbeziehungen zu Russland ein.

Neues Abkommen geplant

Beim Internationalen Wirtschaftsforum werden am Donnerstag und Freitag weitere deutsche Entscheider in St. Petersburg erwartet. Werben für Investitionen ist die Devise. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will dort nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein Memorandum über eine Effizienzpartnerschaft unterzeichnen. Es geht darum, dass deutsche Unternehmen dabei helfen, die oft noch rückständige russische Wirtschaft effizienter zu machen – mit neuen Maschinen etwa. Dass zwei Minister aus Deutschland und Russland – Altmaier und sein Kollege Maxim Oreschkin – das erste Mal seit Jahren wieder ein gemeinsames Papier unterzeichnen, gilt schon als kleine Sensation.

Wie groß die Bereitschaft ist, mit deutschen Unternehmen Geschäfte abzuschließen, erfährt die 40-köpfige Gruppe um Hoffmeister-Kraut bei jedem ihrer dicht getakteten Termine. „Die Stimmung bei russischen Investoren ist gut“, sagt Michael Judis, Geschäftsführer des Ketten- und Fördertechnikspezialisten Kabelschlepp RUS beim Erfahrungsaustausch im German Center Moscow der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Ein Grund sind ausgerechnet die Sanktionen gegen das Land, auf die Russland unter anderem mit verschärften Vorschriften für eine höhere Produktion im eigenen Land reagierte. Dazu brauchen zum Beispiel heimische Zulieferer unter anderem für Daimler, Continental oder Bosch in Russland hochwertige Maschinen – die sie in Baden-Württemberg bestellen könnten. Der schwache Rubel erleichtert solche Aufträge zusätzlich. Gleichzeitig wirbt die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer für mehr Investitionen in Russland, etwa mit gut ausgebildeten Fachkräften und vergleichsweise niedrigen Löhnen.

Die günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen rücken allerdings schnell in den Hintergrund, wenn es um Grundsätzliches geht – der Stand der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Von einer „historischen Mission“ spricht Sberbank-Chef Herman Gref beim Empfang für die baden-württembergische Delegation in der Residenz des deutschen Botschafters in Moskau. Deutsche und Russen müssten sich in Handels- und anderen Fragen wieder stärker aufeinander zubewegen. „Wir arbeiten zu wenig zusammen“, sagt der Chef des größten russischen Finanzinstituts, der selbst deutsche Wurzeln hat und sich mit sehr persönlichen Worten an seine Zuhörer wendet – etwa, wenn er von einer persönlichen Begegnung mit Helmut Kohl berichtet.

Der ehemalige russische Wirtschaftsminister Gref war für die Delegation aus Baden-Württemberg noch aus einem zweiten Grund von herausragendem Interesse. Unter seiner Führung hat die Sberbank eine beispiellose Digitalisierungsstrategie angeschoben, die auch die Entwicklung einer nationalen Strategie beim Thema Künstliche Intelligenz umfasst. In den kommenden Jahren fließen Milliarden in Robotertechnik unter anderem in der Finanzindustrie, Gesichtserkennung, autonomes Fahren oder virtuelle Realität – die „radikale Digitalisierung“, wie es ein Sberbank-Manager beschreibt. Hoffmeister-Kraut machte sich mehrfach ein Bild davon, wie weit die auch wegen ihrer Hackerkünste berüchtigten Russen inzwischen sind. Sie besuchte die von der Sberbank betriebene Programmierer-Schule School 21, den Yandex-Konzern – Russlands Google – und das Innovationszentrum Skolkowo.

Heikle Themen

Viele dieser Entwicklungen berühren Maschinenbauer Martin Wolf kaum. Doch bei einem der heikelsten Sanktionsthemen reist er beruhigt nach Hause – der sogenannten Dual-Use-Klausel, die den Handel mit Gütern untersagt, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke eingesetzt werden können. „Wenn man den richtigen Partner hat, spricht nichts dagegen, Anfragen zu prüfen und womöglich auch wieder zu verkaufen.“ Und der Wunsch nach dem richtigen Partner treibt nicht nur den Brackenheimer Unternehmer um, sondern zwei ganze Nationen. (mit dpa)

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