Wirtschaft

China Umstrittener Technologiekonzern zeigt sich bei Besuch einer Wirtschaftsdelegation aus Baden-Württemberg von seiner freundlichsten Seite

Huawei umgarnt Hoffmeister-Kraut

Archivartikel

Stuttgart/shenzhen.China hat sich auf den Weg gemacht, um den Wettbewerb um die besten Technologien weltweit zu gewinnen. Zu den Konzernen, die den amerikanischen Kontrahenten Apple, Google, Facebook oder Amazon das Leben schwermachen wollen, gehört Huawei. Ein Name, der im Zuge der bevorstehenden Auktion für das superschnelle 5G-Mobilfunknetz auch in Deutschland bekannt wurde. Für Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU, kleines Bild) und ihre Begleiter aus Wirtschaft, Politik und Medien öffnete Huawei in für asiatische Verhältnisse ungewohnter Offenheit seine Türen – und bot Einblicke, die die Besucher so schnell nicht vergessen dürften.

Vom Fischerdorf zur Megastadt

Die Reise geht nach Shenzhen, vor 60 Jahren ein kleines Fischerdorf mit ein paar tausend Einwohnern, heute eine Megastadt und eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt, in der inzwischen mehr als zwölf Millionen Menschen leben. Hier befindet sich der Hauptsitz des Technologiekonzerns Huawei. Knapp 90 Milliarden Euro Umsatz, 180 000 Mitarbeiter weltweit – mehr als 80 000 davon im Bereich Forschung. Schon die Empfangshalle des Hauptquartiers von Huawei zeigt, in welcher Liga das Unternehmen spielt. Ein exorbitantes Foyer, glitzernde Deckenbeleuchtung, riesige Säulen, alles ist blitzblank und von Licht durchflutet. Huawei gibt sich edel – und betont offen. Ist das der Konzern, der sich in westlichen Staaten am Ausbau der Mobilfunknetze beteiligen will, um diese für die chinesische Regierung auszuspionieren, wie Kritiker meinen?

Huawei nutzt den Besuch aus dem deutschen Südwesten, um diesem Vorurteil mit einer für Chinesen untypischen und offensiven Art zu begegnen. Dazu wird auch Carsten Senz, Kommunikationschef des Unternehmens in Deutschland, eingeflogen. „Huawei ist nicht verpflichtet, Daten an die chinesische Regierung weiterzugeben. Es gibt kein Gesetz in China, das so etwas vorschreibt“, sagt Senz und beschreibt die Vorwürfe als eine von den USA politisch motivierte Kampagne.

Nachdem die Huawei-Managerin Meng Wanzhou auf Ersuchen der USA im Dezember 2018 in Kanada wegen Bankbetrug festgenommen wurde, hat die chinesische Regierung zuletzt zwei Kanadier der Spionage beschuldigt. Zudem bereitet Huawei offenbar eine Klage gegen die US-Regierung vor. Diese soll amerikanischen Behörden untersagt haben, Huawei-Produkte zu verwenden. Vom Ausbau ihres Mobilfunknetzes haben die USA Huawei jedenfalls ausgeschlossen.

In Europa ist Huawei deswegen um größtmögliche Transparenz bemüht – und eröffnete vor wenigen Tagen ein Zentrum für Cybersicherheit in Brüssel. In Deutschland gibt es bei der Versteigerung der 5G-Lizenzen derweil heftige Diskussionen über eine Huawei-Beteiligung. Die baden-württembergische Delegation soll bei der Führung deshalb besonders von der technologischen Qualität Huaweis überzeugt werden.

Die Chinesen sind weltweit nicht nur der zweitgrößte Hersteller von Smartphones, sie produzieren auch Steuerungstechniken, um die Vernetzung von Städten, Privathäusern oder im Kommunikationsbereich voranzutreiben, genauso wie bei Logistik oder im Bankenwesen. Der aus Holland stammende Marketingmanager Hank Stokbroekx zeigt im riesigen Vorführsaal, was das Unternehmen alles kann. Schnell ist eines klar: Huawei sammelt Daten in einem Ausmaß, das für die deutschen Besucher äußerst befremdlich ist.

„Deutschland im Top-Fokus“

Doch gerade im Bereich der Sicherheit geht Stokbroekx in die Offensive. Per Gesichtserkennung werden Verbrecher innerhalb kürzester Zeit gefasst – genauso wie Verursacher von Autounfällen. Schließlich wird in der Smart City alles gefilmt und vernetzt. Es findet also ein massiver Datenaustausch statt. Huawei bietet die Technik dafür an. In Chinas Megastädten befinden sich schon jetzt überall Kameras. Der totalen Überwachung ist mit dieser Technik Tür und Tor geöffnet. Darüber wird in der Delegation kontrovers diskutiert. Genauso wie über die Frage, ob den Ausführungen der Huawei-Vertreter tatsächlich 100-prozentig zu trauen sind. Und so bleibt auch offen, wie die Ankündigung von Huawei-Sprecher Senz zu werten ist, der betont: „Der deutsche Markt ist bei uns im Top-Fokus.“