Wirtschaft

Bahn Probleme mit Wagenkästen an neuem Vorzeigefahrzeug / Mehr als jeder fünfte Fernzug im ersten Quartal mit Verspätung

ICE4 muss nachgebessert werden

Archivartikel

Berlin.Die Deutsche Bahn nimmt wegen Fertigungsfehlern vorerst keine neuen ICE4-Züge von Bombardier und Siemens mehr an. An dem Zug, der zum Rückgrat des Fernverkehrs werden soll, fanden sich Fehler an Schweißnähten. Der Konzern forderte die Hersteller Siemens und Bombardier auf, die Wagen im Rahmen der Gewährleistung auszubessern. Die bislang ausgelieferten 25 Züge werden demnach nicht aus dem Verkehr gezogen. „Alle ICE-4-Fahrzeuge waren und sind jederzeit sicher“, betonte die Bahn.

Größter Auftrag

„Bombardier Transportation, Unterlieferant im ICE-4-Projekt, hat im Rahmen des Qualitätsmanagements festgestellt, dass vereinzelt Schweißnähte an ICE-4-Wagenkästen nicht wie vorgeschrieben ausgeführt wurden“, teilten Siemens und Bombardier gemeinsam mit. Mit der Bahn und dem Eisenbahnbundesamt arbeite man an einer Lösung. In jedem Fall dürften die Reparaturen nicht schnell gehen, weil sie den Rohbau fertig ausgestatteter Züge betreffen.

Für die Bahn ist das Problem schwerwiegend. Es ist der größte Auftrag ihrer Geschichte. Der Fertigungsfehler könnte langfristig zu einem höheren Wartungsaufwand führen, wie der Konzern mitteilte. Das kann bedeuten, dass die Züge häufiger in die Werkstatt müssen. Die Wagenreserve der Bahn ist jedoch knapp.

Der Konzern hält ohnehin nur mühsam Schritt mit den wachsenden Fahrgastzahlen. Verspätungen und Zugausfälle häuften sich im vergangenen Jahr im Fernverkehr. Das neue Flaggschiff ICE4 soll das ändern. Mehr Sitzplätze, mehr Komfort und mehr Zuverlässigkeit, lautete das Versprechen. Die ersten ICE4 sind seit Dezember 2017 auf den Gleisen. Vereinbart ist, dass bis zum Jahr 2023 insgesamt 119 Züge geliefert werden. Der Gesamtauftrag umfasst sechs Milliarden Euro.

Aus Industriekreisen verlautete gestern, die fehlerhaften Schweißnähte gingen auf einen einzelnen Schweißer in einem polnischen Werk zurück. Von diesem Mitarbeiter habe man sich getrennt. Schon vor dem Regelbetrieb hatte es mit dem ICE4 Probleme bei Testfahrten gegeben. Einzelne Waggons vibrierten bei hohem Tempo auf einigen Streckenabschnitten. Der Hochgeschwindigkeitszug fährt bis zu 250 Stundenkilometer.

Gleichzeitig muss die Deutsche Bahn einen gewaltigen Sanierungsstau abarbeiten. Nach Bahnangaben ist dieser im 33 000 Kilometer langen Schienennetz auf rund 54 Milliarden Euro angewachsen. Die Folge: Hunderte Baustellen. Das ist ein Grund dafür, dass der Fahrplan oft nicht eingehalten wird. Mehr als jeder fünfte Fernzug kam im ersten Vierteljahr 2019 sechs oder mehr Minuten zu spät. Vom Bund soll die Bahn jährlich 4,5 Milliarden Euro bekommen, um ihr Netz instandzuhalten – eine Milliarde mehr als bisher. Dafür sei er dankbar, sagte Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla. Aber zusätzlich sei ein dreistelliger Millionenbetrag notwendig. dpa