Wirtschaft

Interview Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, ist sauer auf die Regierung und ihre Corona-Politik

„In unserer Lage greifen wir nach jedem Strohhalm“

Berlin.Rund 5000 Schausteller-Betriebe gibt es in Deutschland. Die Branche leidet besonders hart unter den Corona-Einschränkungen. Niemand weiß das besser als Schausteller-Präsident Albert Ritter aus Essen, der in fünfter Generation mit einem mobilen Biergarten samt Bühne über die Volksfeste zieht.

Herr Ritter, sind Sie auch Corona-Leugner?

Albert Ritter: Nein, ganz und gar nicht. Wir wollen nur, dass unsere Branche mit anderen gleich behandelt wird. Wir hatten ab Januar unsere reguläre Winterpause und wurden danach, als es im Frühjahr wieder losgehen sollte, vom Staat regelrecht weggesperrt. Ein faktisches Berufsausübungsverbot. Andere, ob Friseure, Gastronomie oder Physiotherapeuten, dürfen wieder arbeiten. Nur wir nicht.

Alle großen Veranstaltungen sind verboten. Wollen Sie eine Ausnahme?

Ritter: Nein, wir wollen keine Ausnahme, sondern Gleichbehandlung. Es gibt keinen Unterschied, ob eine Pommes-Bude auf einem Kirmesplatz steht oder auf einer Strandpromenade. Man kann auch nicht jedes kleine Volksfest mit Ischgl gleichsetzen. Wir haben Hygienekonzepte und können die Einhaltung der Corona-Regeln leisten. Das haben wir bei kleinen Veranstaltungen schon probiert, zum Beispiel Einbahnstraßensysteme, Handhygiene, Mundschutz und so weiter. Wir unterscheiden uns da nicht vom stehenden Gewerbe in der Fußgängerzone.

Auf Volksfesten wird Alkohol getrunken, Menschen stehen dicht gedrängt zusammen. Ist das bei steigenden Infektionszahlen verantwortbar?

Ritter: Die Gastronomie ist auch geöffnet, ebenso sind es Biergärten. Wenn die stehende Gastronomie Alkohol verkaufen darf, warum dann nicht auch wir? Das Robert Koch-Institut sagt immer wieder, was draußen ist, ist ungefährlicher. Unser Geschäft ist vom Prinzip her draußen. Wir sind als Veranstalter kooperationsbereit mit den Gesundheitsämtern.

Wenn Sie so viele Hygienekonzepte einhalten müssen, sinken die Umsätze. Hilft Ihnen das dann überhaupt?

Ritter: In unserer Lage greifen wir nach jedem Strohhalm. Selbst wenn die Umsätze minimiert sein werden – wir wollen endlich wieder raus, wir wollen mit unserer eigenen Hände Arbeit unser Brot verdienen, wie seit Jahrhunderten. Die Überbrückungsgelder haben uns kaum erreicht, die angekündigte Bazooka ist bei uns nicht angekommen. Das ist viel zu bürokratisch. Bald kommt schon wieder die nächste reguläre Winterpause. Da müssen wir versuchen, uns vorher wenigsten ein bisschen Winterspeck zu erarbeiten.

Wie geht es Ihrer eigenen Firma?

Ritter: Ich habe einen Teil der Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken müssen. Die Soforthilfe von 3000 Euro nutzt uns wenig; ich habe jeden Monat Fixkosten von 15 000 Euro, darunter auch Versicherungen. Natürlich haben wir versucht, Zahlungen zu stunden, aber das endet auch irgendwann. Gerade hat die Berufsgenossenschaft geschrieben, dass sie jetzt Geld sehen will.

Sehen Sie eine Gefahr für die ganze Branche?

Ritter: Wir haben Kollegen, die jetzt als Fahrer für die Müllabfuhr tätig sind. Unser Vorsitzender in Iserlohn steht mittlerweile an der Fleischtheke bei Edeka. Viele gehen ans eigene Vermögen. Fast alle warten, dass es endlich wieder losgeht und halten ihre Fahrgeschäfte. Verkaufen kann man die derzeit ohnehin nicht. Papst Franziskus hat einmal gesagt, Schausteller bringen Licht in das Dunkel der Welt. Das tun wir seit Jahrhunderten und wollen wir auch weiter tun.

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