Wirtschaft

Industrie Britischer Konkurrent Liberty Steel legt Übernahmeangebot für Kerngeschäft des Essener Konzerns vor / Belegschaft demonstriert für Staatseinstieg

Kappt Thyssenkrupp seine Wurzeln aus Stahl?

London/Essen.„Unser Herz aus Stahl muss weiterschlagen“, steht auf einem Transparent. „Staatsbeteiligung jetzt!“ auf einem anderen. Fast 3000 Stahlarbeiter versammelten sich laut IG Metall am Freitag trotz Corona zu einer Kundgebung auf der Rheinwiese in Düsseldorf. In Sichtweite des nordrhein-westfälischen Landtags forderten sie lautstark einen Einstieg der öffentlichen Hand beim ums Überleben kämpfenden Essener Traditionsunternehmen Thyssenkrupp. „Stahl ist Zukunft“, skandierten sie immer wieder.

Doch genau das ist derzeit alles andere als gewiss. Denn die Stahlsparte von Thyssenkrupp verbrennt das Geld im Rekordtempo. Der Konzern kann das nicht lange überleben. Rasche Hilfe tut Not. Doch wie sie aussehen soll, ist ungewiss. Denn während sich die Stahlarbeiter noch auf dem Weg zur Kundgebung befanden, überraschte der britische Stahlkonzern Liberty Steel die Branche mit einem Übernahmeangebot für die Stahlsparte von Thyssenkrupp.

Es gebe viel Potenzial, da sich die Unternehmen gut ergänzten, begründete der britische Konzern seine Offerte in London. Zum möglichen Kaufpreis machte er allerdings keine Angaben.

„Brauchen zusätzliches Kapital“

Thyssenkrupp betonte, das Angebot werde nun sorgfältig geprüft. Die Gespräche mit anderen potenziellen Partnern würden fortgesetzt. „Unser Ziel ist es, das Stahlgeschäft nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Es kommt für uns darauf an, dafür die beste Lösung zu finden.“

Liberty Steel beschäftigt nach eigenen Angaben rund 30 000 Menschen und ist in zehn Staaten aktiv - in Europa, Australien, den USA und China. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei umgerechnet rund 13 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Thyssenkrupps Stahlsparte kam im Geschäftsjahr 2018/19 auf rund neun Milliarden Euro Umsatz und hat 27 000 Mitarbeiter.

Bei der IG Metall stieß das Angebot der Briten allerdings auf wenig Gegenliebe. „Wir brauchen keinen neuen Eigentümer, sondern zusätzliches Kapital – und das hat Liberty auch nicht“, sagte das IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner der Deutschen Presse-Agentur am Rande der Stahlarbeiterkundgebung. Eine Übernahme durch Liberty löse keines der Probleme von Thyssenkrupp.

Thyssenkrupp steckt in einer schweren Krise. Überkapazitäten auf den Stahlmärkten sowie ein Nachfrageeinbruch drücken aufs Geschäft. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres summierten sich die operativen Verluste der Stahlsparte auf 841 Millionen Euro auf. Zudem sind Milliardeninvestitionen in klimaschonende Produktion nötig. dpa

Zum Thema