Wirtschaft

Lockdown Handel dringt auf klaren Plan zur Wiedereröffnung / Gewerkschaften wollen höheres Kurzarbeitergeld

Kritik am Lockdown: Wirtschaft fordert mehr Hilfe

Frankfurt.Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften haben Kritik am verlängerten Lockdown geäußert und mehr Hilfe vom Staat gefordert. Die Gewerkschaften NGG und Verdi pochen auf ein höheres Kurzarbeitergeld für Beschäftigte der Gastronomie. Der Einzelhandel fordert einen Fahrplan zur Wiedereröffnung der Geschäfte und höhere Staatshilfen.

> Überblick: Coronavirus - so viele Fälle sind in der Metropolregion Rhein-Neckar bekannt
> Dossier Corona: Hintergründe, Infografiken, Berichte zur Entwicklung der Pandemie in Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen und der Metropolregion
> Nichts verpassen: Verschärfter Lockdown, Impfungen, milliardenschwere Wirtschaftshilfen – alle Entwicklungen zum Coronavirus: Jetzt 30 Tage gratis E-Paper und Morgenweb lesen

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer mahnte nach den jüngsten Beschlüssen von Bund und Ländern mehr Tempo bei Corona-Impfungen an. Ökonomen glauben, dass der verlängerte Lockdown und neue Beschränkungen der Bewegungsfreiheit in Corona-Hotspots insgesamt überschaubare Folgen für die Wirtschaft haben.

Click&Collect wieder erlaubt

Bund und Länder hatten sich unter anderem darauf verständigt, den Lockdown bis Ende Januar zu verlängern und Kontaktbeschränkungen zu verschärfen. „Die geschlossenen Handelsunternehmen brauchen jetzt klare Aussagen, unter welchen Bedingungen sie wann ihren Betrieb wieder aufnehmen können“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands HDE, Stefan Genth. Den Lockdown einfach nur zu verlängern und keinerlei Perspektiven oder Pläne für eine Wiedereröffnung zu präsentieren, sei in jedem Fall zu wenig.

„Es werden zwar immer Milliardenhilfen von Seiten der Politik angekündigt, tatsächlich kommen die Hilfen aber im Einzelhandel nicht zur Auszahlung, weil die Zugangshürden viel zu hoch sind“, sagte Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“.

Viele Unternehmen hätten ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigten wirtschaftliche Unterstützung. Der Verband fordere für die Handelsbranche Zuschüsse nach dem Vorbild der außerordentlichen November- und Dezemberhilfen. Von diesen profitiert beispielsweise das bereits seit längerem weitgehend geschlossene Gastgewerbe. Hagmann begrüßte aber, dass Einzelhändler in Baden-Württemberg vom kommenden Montag an zumindest wieder im Internet bestellte Waren an die Kunden herausgeben dürfen – das sogenannte Click&Collect. Es war – anders als in Hessen und Rheinland-Pfalz – durch die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg zuletzt verboten gewesen, was auch bei Händlern in der Region für großen Unmut gesorgt hatte.

Nicht nur der Handel leidet unterdessen unter der Verlängerung des Lockdowns, Auch das Friseurhandwerk befürchtet eine Insolvenzwelle. Viele Betriebe könnten die Einnahmeverluste nicht mehr schultern, sagte Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. Staatliche Hilfen müssten jetzt schnell und unbürokratisch fließen. Die IG BAU forderte einen bezahlten Sonderurlaub für Eltern im Lockdown. „Bauarbeiter und Reinigungskräfte können weder Homeoffice machen noch sich zuhause um die Kinder kümmern“, erklärte Gewerkschaftschef Robert Feiger am Mittwoch.

Sonderurlaub für Eltern verlangt

Die vorgesehene Verdoppelung der Kinderkrankentage reiche nicht aus, führte der Gewerkschafter aus. Beschäftigte könnten sonst im Lockdown schon im Januar von ihren Arbeitgebern gedrängt werden, ihren Jahresurlaub zur Kinderbetreuung einzusetzen. Auch die bisher bei Kinderbetreuung mögliche Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz mit bis zu 67 Prozent vom Nettogehalt sei zu niedrig. „Gerade in Branchen, in denen niedrige Löhne gezahlt werden, können Beschäftigte keine großen finanziellen Einbußen verkraften“, so Feiger. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) fordert ein Mindestkurzarbeitergeld von 1200 Euro und eine Corona-Sofortnothilfe von einmalig 1000 Euro.

Ökonomen halten die wirtschaftlichen Folgen einer Einschränkung des Bewegungsradius’ für überschaubar. „Wenn die berufliche Mobilität weiter möglich bleibt, dürften sich die wirtschaftlichen Zusatzkosten in Grenzen halten“, sagte Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW), der „Welt“. Auch die Folgen des verlängerten Lockdowns schätzen Ökonomen als eher gering ein. Dies sei für betroffene Branchen, vor allem Einzelhandel und Gastronomie, schmerzlich, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest der „Welt“. Aber man dürfe nicht übersehen, dass große Teile der Wirtschaft, vor allem Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, geöffnet blieben. 

Zum Thema