Wirtschaft

Welde Bierabsatz in Deutschland geht zurück, aber Plankstadter Brauerei wächst / Familienbetrieb bereitet Wechsel an der Spitze vor

„Kunden wollen mehr Vielfalt“

Archivartikel

Plankstadt.Direkt gegenüber von Hans Spielmanns Schreibtisch hängt ein Lichtkunstwerk. Es wechselt ständig die Farben. Der Chef der Plankstadter Welde-Brauerei schaut gerne darauf: „Es erinnert mich immer wieder daran, dass die Welt da draußen sich ändert“, sagt der Chef der Familienbrauerei. Es genüge eben nicht, sich auf mehr als 260 Jahre Tradition zu berufen. „Vergangenheitsfolklore reicht nicht“, sagt Spielmann.

Aktuell machen die Veränderungen in der (Bier-)Welt Spielmann richtig Freude. Immer mehr Verbraucher wenden sich seiner Einschätzung nach von den Massenbieren internationaler Konzerne ab. Das Monopol des Einheitspils sei gefallen. „Die Kunden wollen mehr Vielfalt, sind neugierig auf einen anderen Stil. Da rechnen wir uns Chancen aus.“ So wächst der Durst auf Craftbiere: Das sind handwerklich hergestellte Biersorten in ungewöhnlichen Geschmacksrichtungen. Der Trend aus den USA hat längst Europa erobert.

Viele unterschiedliche Sorten in kleine Mengen – die Umstellung falle den großen Herstellern mit ihren riesigen Anlagen schwer. Kleine Brauereien wie Welde dagegen könnten auf den Wunsch nach Vielfalt flexibler reagieren. Aus der Plankstadter Manufaktur kommen seit rund drei Jahren bereits vier Craftbier-Sorten – ab Mitte April sind drei weitere im Handel.

Zertifikat für langsames Brauen

„Wir haben mit den Craftbieren die Nische in der Nische gefunden, weil wir uns auf alte Rezepte zurückbesinnen“, sagt Spielmanns Sohn Max. Als Beispiel nennt er das Badisch Gose, ein Bier mit hohem Salzgehalt, wie es vor rund 200 Jahren gebraut wurde. Max Spielmann hat die Rezepturen für die neuen Spezialitäten mitentwickelt, die sich zum Teil an englischen Klassikern anlehnen. Der 30-Jährige ist vor rund einem Jahr in die Brauerei eingestiegen. Er ist Betriebswirt, Braumeister und Biersommelier – und hat jede Menge Ideen für neue Sorten.

„Max hat uns ganz schön Feuer gemacht“, sagt Vater Hans. Die ausgefallenen Spezialitäten sind zwar teurer in der Herstellung, lassen sich aber zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Bei Welde machen die Craftbiere inzwischen rund vier Prozent des Absatzes aus – angepeilt sind fünf Prozent. Welche Gewinnmargen sie damit erwirtschaften, verraten die Spielmanns nicht. Für das gesamte Unternehmen gelte aber: „Wir erzielen mehr Ertrag pro Hektoliter als der Durchschnitt der Branche.“

Um sich vom Massenmarkt abzusetzen, hat sich Welde auch um das Gütesiegel „Slow Brewing“ bemüht. Das Zertifikat bekommen nur Brauereien, die strenge Kriterien bei der Herstellung einhalten, dem Bier zum Beispiel lange Zeit zum Reifen lassen. Bei Welde seien es sechs Wochen, so Max Spielmann, üblich sei in der Industrie nur eine Woche. „Der Kunde honoriert das“, sagt sein Vater. „Der Bierabsatz in Deutschland geht zurück. Aber wir wachsen jedes Jahr in kleinen Schritten – gegen den Markt.“ 2017 habe Welde um drei Prozent bei Absatz und Umsatz zugelegt, 2018 soll die Größenordnung ähnlich sein.

Die Fußball-Weltmeisterschaft könnte einen Extraschub bringen: „Zu solchen Zeiten wird grundsätzlich mehr Bier konsumiert – ob mit oder ohne Alkohol“, ist die Erfahrung bei Welde. Auf die gnadenlosen Preiskämpfe national bekannter Marken – mit Aktionen von unter zehn Euro je Kasten – habe sich Welde nie eingelassen. 15 bis 16 Euro kostet der Kasten gängiger Welde-Sorten. Das Pils macht 85 Prozent beim Absatz aus, gefolgt von der vor anderthalb Jahren eingeführten Sorte „Helles“ mit zehn Prozent.

Vater als Coach

Aktuell versuchen die großen Brauereien, die Preise anzuheben. Hans Spielmann ist aber skeptisch, ob das auf dem Massenmarkt möglich ist. Welde wird vorrangig in der Region verkauft, ganz vorsichtig streckt der Mittelständler die Fühler in ganz Deutschland aus. „Aber das ist angesichts des gesättigten Marktes sehr schwierig.“ Immerhin, Welde gibt es inzwischen auch in Hamburg oder Berlin zu kaufen.

Der 65-jährige Hans Spielmann führt den Familienbetrieb seit mehr als 35 Jahren. Die Nachfolge ist geregelt. Sohn Max hat zwei Jahre Zeit, um sich in alle Bereiche einzuarbeiten, dann soll er mehr und mehr Verantwortung übernehmen. Neben neuen Rezepturen arbeitet er außerdem an der Digitalisierung der Produktion.

Um den Nachfolgeprozess möglichst professionell und konfliktfrei zu gestalten, hat sich der Vater extra zum Coach ausbilden lassen. Sein Sohn sei „ungeduldiger“, aber das sei das Privileg der Jugend. Er sei bereit aufzuhören, sobald Max sich bereit für die Übernahme fühle. Gemeinsam wollen Vater und Sohn zunächst einmal eine langfristige Strategie entwickeln.