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Länger warten im Südwesten

Berlin/Rhein-Neckar.Bahnfahrer in Hamburg können sich glücklich schätzen: Auf Regionalzüge der Deutschen Bahn müssen Fahrgäste dort am wenigsten warten. 97,7 Prozent der Züge waren im vergangenen Jahr pünktlich – das heißt nach Bahn-Definition: weniger als sechs Minuten zu spät. Das teilte die Deutsche Bahn auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Im Südwesten sieht es im Bundesvergleich anders aus. Alle genannten Südwest-Länder liegen unter dem Bundesdurchschnitt. Auf Platz zehn kommt Rheinland-Pfalz. Dahinter auf Platz 11 Baden-Württemberg – und auf dem drittletzten Platz Hessen. Dort kommen nur 91 Prozent der Regionalzüge pünktlich.

Investitionen gefordert

In Rheinland-Pfalz hat sich die Wartezeit im Vergleich zu 2017 noch einmal verlängert. Um die Verspätungen zu reduzieren, fordert der Fahrgastverband Pro Bahn mehr Zugführer und Investitionen in die Infrastruktur. Nach Angaben von Pro Bahn entstehen viele Verspätungen nicht in Rheinland-Pfalz. „Wir sind Leidtragende der Ballungsgebiete um Frankfurt, Mannheim und Köln“, sagte der Sprecher von Pro Bahn Rheinland-Pfalz/Saarland, Martin Mendel. Von dort zögen sich die Verspätungen in das rheinland-pfälzische Bahnnetz hinein.

Die Deutsche Bahn müsse vor allem in Personal investieren, forderte Mendel. Es gebe zu wenige Lokführer und zu wenig Personal, das die Strecken instand halte. „Wir brauchen eine Personalgewinnungsoffensive“, sagte Mendel. Außerdem müssten vielgenutzte Strecken wie zwischen Mainz und Frankfurt dringend ausgebaut werden.

Ähnlich sieht das in Baden-Württemberg Pro Bahn Rhein-Neckar. Laut dem Fahrgastverband ist beispielsweise die Schweiz Vorbild bei Investitionen in den Bahnverkehr. Reisen sei dort deshalb „einfach stressfreier“, sagt Andreas Schöber von Pro Bahn Rhein-Neckar. Er findet auch, die Bahn müsste mehr für den Unterhalt der Strecken tun. Zum Beispiel umsturzgefährdete Bäume früh entfernen. Wobei die Bahn hier bereits auf einem guten Weg sei, pflichtet Schöber bei.

Auch in Hessen wird den Fahrgästen erheblich mehr Geduld abverlangt. Die Bahn, der Rhein-Main Verkehrsverbund (RMV) und das Land Hessen haben vergangene Woche ein Intensivprogramm angekündigt, das die Qualität des Nahverkehrs auf der Schiene verbessern soll. Erste Maßnahmen, die bereits im vergangenen Jahr angestoßen wurden, zeigten laut RMV bereits Wirkung. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres sei die Pünktlichkeit der S-Bahn um 1,5 Prozent verbessert worden. Während derzeit die Pünktlichkeitsrate zwischen 93 und 94 Prozent betrage, habe sie vor einem halben Jahr noch unterhalb von 92 Prozent gelegen.

Bahnsteiglotsen helfen

Thomas Kraft von Pro Bahn Hessen bleibt dennoch skeptisch. „Es müssten wesentlich mehr Züge angeschafft werden“, sagte Kraft. Er lobte den Einsatz von Bahnsteiglotsen am Frankfurter Hauptbahnhof. Denn auch die Zugreisenden selbst seien Teil des Pünktlichkeitsproblems. „Die Züge haben nur 90 Sekunden Zeit, um loszufahren und die Weichen zu passieren“, erklärte Kraft. Gerade bei Veranstaltungen sei das kaum einzuhalten, weil immer mehr Fahrgäste zusteigen wollten. Die Lotsen sollen nun dafür sorgen, dass die Türen schneller frei werden.

Die Bahn verweist währendessen auf den Ausbau neuer Maßnahmen: Vielerorts würden Techniker bei Bedarf inzwischen zum Zug fahren, Waggonteile schon dort reparieren und so dafür sorgen, dass die Züge gar nicht in die Werkstatt müssen, so eine Bahnsprecherin. Vorbeugendes Instandsetzen, Streckenausbau und Abstimmen mit betroffenen Eisenbahnunternehmen – insbesondere bei den besonders belasteten Strecken – gehörten da in erster Linie mit dazu. (mit dpa)