Wirtschaft

„Man braucht einen Plan“

Philipp Kehrer ist stellvertretender Leiter der Mode-schule Kehrer

Die Modeschule Kehrer mit Standorten in Mannheim und Stuttgart bietet auch Aufbaustudiengänge zu Modewirtschaft und Modemanagement an.

Herr Kehrer, gibt es zu viele Modemarken, und ist der Markt schlicht übersättigt?

Philipp Kehrer: Ich denke nicht, dass der Modemarkt übersättigt ist. Im Gegenteil, ich sehe noch viele Potenziale. Es gibt aber durchaus einige gravierende Veränderungen, die mit Sicherheit dazu führen, dass es bestimmte arrivierte Marken und Firmen schwerer haben. Insgesamt kann man beobachten, dass viele Marken die eigentliche Zielgruppe aus den Augen verlieren und teilweise ein Stück weit die eigene Identität und den Kern der Marke aufgeben, um möglichst viele Verbraucher zu erreichen und dadurch hohe Verkaufszahlen zu generieren.

Damit ist gemeint, dass große Marken mittlerweile Lizenzartikel in vielen unterschiedlichen Bereichen anbieten, vom Duft über Accessoires und Schmuck bis hin zur Mode quasi alles, und dadurch letztlich die ursprüngliche Zielgruppe vergrößern. Viele verlassen zudem das ursprüngliche Kerngeschäft, stärken zwar die Bekanntheit, doch die eigentlich für die jeweilige Marke typischen Merkmale verblassen etwas. Hier gilt es dann wiederum, andere Herausforderungen zu meistern.

Ist es überhaupt noch möglich, eine neue Marke erfolgreich einzuführen?

Kehrer: Um im Modebusiness dauerhaft erfolgreich sein zu können und sich in diesem Bereich selbstständig zu machen, zählt viel mehr dazu als nur fachliche Kompetenz. Die Mode- und Textilindustrie ist eine internationale sich stetig verändernde Industrie mit vielen Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Es greifen viele Mechanismen, die man zunächst verstehen muss. Man braucht einen klaren Plan und neben fachlicher Kompetenz und Kreativität vor allem auch betriebswirtschaftliches und marketingtechnisches Know-how. Man muss seine Zielgruppe ganz genau definieren und immer wieder aufs Neue begeistern. Außerdem steigt der Qualitätsanspruch bei vielen glücklicherweise.

Ist die Zeit der großen Massenmarken vorbei, weil Mode zu individuell geworden ist?

Kehrer: Das Wort Masse widerspricht in sich schon dem Wort Marke, denn eine Marke hat ein deutliches Profil, und das gefällt nicht jedem, sondern spricht normalerweise bestimmte Verbraucher an. Wenn die erkennbaren Merkmale einer Marke zum jeweiligen Individuum passen, dann ist eine Marke sehr individuell. Ist sie nicht wiedererkennbar, dann verliert sie auch ihre Individualität. Mode ist für viele Menschen eine Möglichkeit, die eigene Individualität auszudrücken und zu leben.

Das Interview führte Torsten Gertkemper (BILD: Kehrer)