Wirtschaft

Arbeit Auf 100 Lehrstellen kommen in Baden-Württemberg nur 79 Bewerber / Mädchen an naturwissenschaftlich-technischen Berufen wenig interessiert

Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber

Archivartikel

Stuttgart.Trotz der konjunkturellen Abkühlung gibt es in Baden-Württemberg weiter mehr Ausbildungsstellen als junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen. „Der wirtschaftliche Abschwung ist nicht auf dem Ausbildungsmarkt angekommen. Die Unternehmen haben mehr Ausbildungsplätze angeboten als im Vorjahr“, sagte Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) am Montag nach dem Spitzengespräch zur Ausbildungssituation im Südwesten.

Allerdings gebe es einen Wermutstropfen: Es gelingt zunehmend weniger, Ausbildungsverträge abzuschließen. Kernproblem ist, dass die angebotenen Stellen nicht genügend nachgefragt werden. Experten sprechen hier von Passungsproblemen auf dem Arbeitsmarkt. Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, fasste die aktuelle Situation zusammen: „8661 unbesetzten Ausbildungsstellen stehen 8576 Ausbildungsplatznachfragen gegenüber.“

Eines der größten Probleme ist weiterhin, dass es zu wenige MINT-Bewerberinnen gibt, also Mädchen, die sich für Berufe in den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik interessieren. „Der Anteil der MINT-Stellen ist auf 32 Prozent angestiegen. Jedoch ging der Frauenanteil auf elf Prozent zurück“, so Rauch.

„Groteske Züge“

Während bei Akademikerinnen technische und naturwissenschaftliche Ausrichtungen durchaus immer höher im Kurs stünden, sei die Entwicklung bei klassischen Ausbildungsberufen ohne Studium gegenläufig, erklärte Karl Schäuble, Vizepräsident der Landesvereinigung Baden-Württembergischer Arbeitgeberverbände. „Die mangelnde Passung nimmt schon groteske Züge an. Das Matching passt einfach nicht“, kritisierte er. Matching steht für die Zuordnung von Arbeitsplatz-anforderungen und den Kompetenzen eines Bewerbers. Schäuble beklagte, dass selbst in der Metall- und Elektroindustrie die Zahl der unbesetzten Lehrstellen steige.

Die Bezirks-Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes Gabriele Frenzer-Wolf attestierte einigen Ausbildungsbetrieben eine mangelnde Attraktivität. Fast 47 Prozent der Auszubildenden im Südwesten müssten regelmäßig Überstunden machen, sagte sie mit Verweis auf eine Gewerkschaftsstudie. Zehn Prozent der Lehrlinge unter 18 Jahren müssten gar mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, was gesetzeswidrig sei und in Baden-Württemberg „trotzdem üblich“. Das alles trage nicht zur Zufriedenheit junger Menschen bei.

. Ein weiteres Thema war die Situation der Flüchtlinge auf dem Ausbildungsmarkt. So hätten zum Start des Ausbildungsjahrs 2019 insgesamt 3068 Geflüchtete aus den acht Hauptherkunftsländern plus Gambia eine Ausbildung begonnen. Im vergangenen Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 2911. Den leichten Anstieg bezeichnete Hoffmeister-Kraut als „großen Erfolg für die Fachkräftesicherung und für die gesellschaftliche Integration“. Zugleich kündigte sie an, mehr sogenannte Kümmerer für Auszubildende zur Verfügung zu stellen. Bisher waren diese nur für Flüchtlinge zuständig. Künftig sollen sie sich auch um Neuzugewanderte aus der EU und aus Drittstaaten kümmern.

Bei den unbesetzten Ausbildungsstellen in Baden-Württemberg gibt es die größten Probleme im Einzelhandel. Hier sind derzeit 772 Stellen unbesetzt. Es folgen Verkäufer (491), zahnmedizinische Fachangestellte (388) und Köche (330). Auch Fachverkäufer-Auszubildende in Metzgereien und Bäckereien werden dringend gesucht.

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