Wirtschaft

IG Metall Gewerkschaft nimmt Anlauf auf weniger Wochenstunden / Unternehmen fürchten verschärften Fachkräftemangel

Mehr Geld und weniger Arbeit

Frankfurt.In der anstehenden Tarifrunde der deutschen Metall- und Elektroindustrie geht es der IG Metall um weit mehr als nur eine Lohnforderung. Der Vorstand empfiehlt nicht nur einen Aufschlag für Löhne und Gehälter für die 3,9 Millionen Beschäftigten von sechs Prozent für zwölf Monate. Damit einher geht die Forderung nach einem individuellen Anspruch zur Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für maximal zwei Jahre in West- und Ostdeutschland.

"Wir fordern Zeit und Geld", sagte IG Metall-Chef Jörg Hofmann gestern bei der Erläuterung der Empfehlung in Frankfurt. Bislang liege die Flexibilität einseitig bei den Beschäftigten zugunsten der Unternehmen, was die Gesundheit und die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben gefährde. Diese Flexibilität müssten jetzt auch die Arbeitgeber zeigen. Hofmann ist klar, dass vor allem auch wegen der Arbeitszeitforderung - rund zwei Jahrzehnte nach Einführung der 35-Stunden-Woche - die anstehende Tarifrunde zu einem "anspruchsvollen Verhandlungsmarathon" werden dürfte.

Fixer Zuschuss

"Wir wollen Arbeitszeiten, die zum Leben passen", begründet Hofmann die Forderung nach einem "großen Stück" Selbstbestimmung der Beschäftigten über ihre Arbeitszeit. Mit der befristeten Verkürzung der Arbeitszeit sinke auch das Entgelt, allerdings soll der Anspruch auf einen Vollzeitjob erhalten bleiben. Wer die Arbeitszeit für die Betreuung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen nutzt oder nutzen muss, soll nach dem Willen der Gewerkschaft einen Entgeltzuschuss in unterschiedlicher Höhe erhalten.

Wenn die wöchentliche Arbeitszeit um mindestens 3,5 Stunden reduziert wird, soll es einen fixen Zuschuss geben. Das fordert die IG Metall auch für Beschäftigte, die in Schichten oder in anderen gesundheitlich belastenden Bereichen arbeiten. Nach vorläufigen Schätzungen der Arbeitgeber könnten nahezu zwei von drei Beschäftigten auf kürzere Arbeitszeiten mit (Teil-)Lohnausgleich hoffen. Die IG Metall geht eher von 40 Prozent aus.

Der dickste Brocken sind die mehr als eine Million Schichtarbeiter, die nach den Vorstellungen der Gewerkschaft für die ersten fünf Freischichten im Jahr einen Lohnausgleich auf dem Niveau der untersten Lohngruppe erhalten sollen. Das sind über den Daumen gerechnet 750 Euro jährlich für jeden. Die restlichen Freischichten im Jahr blieben ohne Ausgleich und würden wahrscheinlich auch nur von wenigen in Anspruch genommen. "Fünf bezahlte Freischichten für alle Schichtarbeiter" könnte zur Kampfformel werden, wenn ab Januar erste Warnstreiks anstehen und die Belegschaften mobilisiert werden sollen.

Damit Arbeitnehmer, die nicht reduzieren, nicht stärker belastet werden, sollen neue Mitarbeiter eingestellt oder Beschäftigte aus der "Teilzeitfalle" geholt werden, betont der IG Metall-Chef. Für die Arbeitgeber wertet er die Vorschläge als Weg hin zu zeitgemäßen Arbeitsplätzen. Damit stünden die Arbeitgeber nicht als Verlierer da, "sondern sie gewinnen Arbeitszeitmodelle, die sie attraktiv machen".

"Kein Grund zur Zurückhaltung"

Hofmann ist überzeugt, dass sich die Branche solche Modelle leisten kann. Die Ergebnisse der Unternehmen seien glänzend, selbst in der Automobilbranche seien die Auftragsbücher voll, die Beschäftigung wachse, und in vielen Betrieben würden Sonderschichten gefahren. Auch die Prognosen seien gut. Die Forderung von sechs Prozent mehr Geld sei deshalb mehr als angemessen. "Nein, es gibt wahrlich keinen Grund zur Zurückhaltung. Im Gegenteil: Die 3,9 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie erwarten, dass sie angemessen beteiligt werden an diesem Erfolg, für den sie Tag für Tag hart arbeiten."

Die Arbeitgeber im Südwesten haben bereits ein Gesamtforderungsvolumen von rund zwölf Prozent errechnet und sehen die Gewerkschaft endgültig im "Wolkenkuckucksheim" angekommen. Neben den höheren Kosten fürchten die Unternehmen weitere Löcher in ihren bereits ausgedünnten Personaldecken.

Das fehlende Fachpersonal könne zum Standortproblem werden, die Investitionen noch stärker als ohnehin schon ins Ausland gehen, warnt Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Laut Verband fließen schon jetzt 58 Prozent der Investitionen in Anlagen jenseits der Grenzen, im Inland werde kaum noch der Bestand gehalten, eine "schleichende Deindustrialisierung". (mit dpa)

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