Wirtschaft

Biotechnologie Neue Methode soll robustere Pflanzen und Kühe ohne Hörner hervorbringen – morgen befasst sich der EuGH damit

Mit der Gen-Schere ans Gemüse

Archivartikel

Berlin.Es soll das Leben im Stall und auf dem Acker verändern: Crispr-Cas (sprich: Krisper), ein neues Werkzeug der Gentechnik. Es führe in eine neue landwirtschaftliche Ära, sagen Wissenschaftler. Unternehmen haben es längst entdeckt, andere warnen vor Risiken. Morgen trifft der Europäische Gerichtshof (EuGH) eine Entscheidung, die die Zukunft bestimmt. Dazu wichtige Fragen und Antworten:

Was ändert die neue Gentechnik konkret?

Kühe oben ohne, also ohne Hörner. Weizen, dem der Mehltau nichts anhaben kann, Kartoffeln, die sich länger lagern lassen – große Zuchtfirmen investieren längst in die neue Technologie. Die britische Firma Genus, der größte Viehzüchter der Welt etwa. Oder: die US-amerikanischen Agrar- und Saatgutkonzerne Calyxt und DowDuPont sowie Forscher der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Auch die Biotechnologen hierzulande, etwa jene des Leverkusener Bayer-Konzerns, entdecken das Werkzeug für sich. Vor dem EuGH geht es nun zunächst um Pflanzen in der Landwirtschaft.

Was muss das europäische Gericht nun entscheiden?

Dürfen Kartoffeln und andere Lebensmittel einfach so auf Höfen und Feldern produziert und dann im Supermarkt verkauft werden, wenn sie mit der neuen Zuchtmethode entstanden sind? Oder ist das eine klassische Variante der grünen Gentechnik? In dem Fall müssten die Hersteller eine spezielle Zulassung beantragen und die Produkte gekennzeichnet werden. Das müssen die Richter entscheiden.

Französische Tier- und Naturschutzorganisationen hatten geklagt, weil die bisherigen Regeln unklar sind. Im Januar veröffentlichte der Generalanwalt des EuGH, Michael Bobek, dazu bereits eine Stellungnahme. Sie ist nicht bindend, aber oft folgen die Richter ihr. Demnach können die neuen Techniken von einer Extra-Regulierung ausgenommen werden, wenn deren Ergebnis auch auf „natürliche Weise“ entstehen könnte.

Wie funktioniert das Werkzeug Crispr-Cas?

Crispr-Cas ist eine Art Werkzeugkasten fürs Erbgut, die DNA. Biotechnologen können Erbinformationen punktgenau ausschneiden, ausschalten und austauschen. Im Prinzip – aber darum geht es vor Gericht nicht – können so auch artfremde Gene eingefügt werden. Der Unterschied zur „alten“ Gentechnik: Der Eingriff gilt als präzise und relativ simpel zugleich, ähnlich der „Suchen- und Ersetzen-Funktion“ auf dem Computer.

Experten sprechen auch vom Genom Editing: Das Erbgut wird umgeschrieben wie ein Text. In der Regel geht das fix, binnen Monaten statt Jahrzehnten in der herkömmlichen Züchtung. Nur tobt ein Streit darüber, ob das Genom Editing so natürlich ist, die Veränderungen also auch durch bereits akzeptierte Methoden entstehen könnten.

Was soll an Crispr-Cas unnatürlich sein?

Christoph Then leitet Testbiotech, ein Institut für die Risikoabschätzung von Gentechnik. Der frühere Greenpeace-Experte sagt, Crispr-Cas sei „eine Modernisierung, bleibt aber Gentechnik“, die sich, anders als bisher oft behauptet, durch „spezifische Muster“ im Erbgut von der konventionellen Züchtung „deutlich“ unterscheide. Denn die Biotechnologen gäben „der Zelle den Befehl, an einer bestimmten Stelle des Erbgutes eine Veränderung vorzunehmen. Das ist methodisch etwas ganz anderes als die Pflanzen klassisch zu kreuzen.“ Die Technologie sei zudem „fehleranfällig“: „Crispr-Cas setzt nicht immer an dem Genabschnitt an, wo es geplant ist.“ Then meint: „Die Risiken der neuen Verfahren sind bislang zu wenig erforscht, sie sollten nicht einfach so auf den Markt.“

Was sagen die Biotechnologen zu dem Thema?

„Die Präzision muss sich verbessern, aber das tut sie auch“, entgegnet Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. Die Fortschritte seien „enorm“. Befürworter wie er warnen, dass die Technik in Europa keine Chance habe, wenn sie als Gentechnik eingeordnet wird. Was dann verloren ginge? Gent: „Wir würden die Chance verpassen, gegen Pilze resistentere oder allergikerfreundlichere Sorten zu züchten. Aber nicht nur das. Es geht auch um klimatolerantere Pflanzen, die Dürren wie die jetzige überstehen. Das kriegt man so ohne Weiteres nicht hin.“

Sehen Landwirte Vorteile in dem neuen Werkzeug?

Der Deutsche Bauernverband jedenfalls betont die Chancen. Präsident Joachim Rukwied: „Die derzeitige Dürre zeigt uns, dass wir neuen Züchtungsmethoden gegenüber aufgeschlossen sein müssen, um beispielsweise hitzebeständigere Sorten anbauen zu können.“

Welche Produkte kommen in den Supermarkt?

Lebensmittelketten wie Edeka, Lidl und Rewe wollen eine Kennzeichnung für die neue Gentechnik. Das haben sie der EU-Kommission auch in einem Brief geschrieben.

Im Grunde wollen sie Crispr und Co. aus ihren Läden raus halten. Denn für den Handel rentiert sich die Gentechnik nicht, Verbrauchern schmeckt sie nicht: Rund zwei Drittel der Deutschen bewerten es einer Umfrage des Bundesumweltministeriums zufolge eher als problematisch, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu essen.