Wirtschaft

Lebensmittel Hersteller reduzieren Zuckergehalt / Experten warnen vor potenziell gesundheitsschädlichen Ersatzstoffen

Neue süße Gefahr droht

Berlin/Mannheim.Eigentlich liebt die Lebensmittelindustrie Zucker. Sie rührt ihn nicht nur in Schokolade, sondern auch in Fleischsalat, Joghurt, Tiefkühlpizza. Denn er schmeckt. "Doch nun verbannen sie den weißen Zucker, weil jeder weiß, dass er Zähne kaputtmacht und zu Übergewicht führt", sagt Udo Kienle, Agrarwissenschaftler an der Universität Hohenheim.

Verbrauch steigt Jahr für Jahr

Das Problem: Die Ersatzstoffe zum klassischen Haushaltszucker, der sogenannten Saccharose, sind oft nicht besser. Vor einem warnt Kienle besonders: Isoglucose. "Dieser billige fructosehaltige Zucksirup aus Mais ist besonders schädlich, er macht fett." Trotzdem komme er nun "massenweise auf den europäischen Markt."

Kienle forscht seit mehr als dreißig Jahren zu Süßungsmitteln. Derzeit produziere die Welt im Jahr rund 160 Millionen Tonnen Zucker aus Zuckerrohr und Zuckerrüben, sagt er. Weltweit sei dieser Markt schätzungsweise 75 Milliarden Dollar schwer. Schlechte Ernten und schwankende Preise hätten den Produzenten zwar immer wieder zu schaffen gemacht. Bislang sei der Verbrauch aber Jahr für Jahr um bis zu vier Prozent gestiegen. Denn die Weltbevölkerung wächst und eine aufstrebende Mittelschicht unter anderem in chinesischen oder afrikanischen Städten kurbelt den Absatz an.

Doch der Zucker ist in Verruf geraten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat zum Beispiel erst Ende des vergangenen Jahres alle Regierungen der Welt aufgerufen, Steuern auf zuckrige Getränke zu erheben. Die gelten als besonders bedenklich, weil sie nicht nur viel Zucker enthalten, sondern auch nicht zu einem Sättigungsgefühl führen. So trinkt man einfach nebenbei zusätzliche Kalorien.

In Deutschland ist eine solche Abgabe zwar nicht geplant. In Mexiko, wo die Bevölkerung massiv von Übergewicht betroffen ist, gibt es aber schon seit dem Jahr 2014 eine zehnprozentige Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Der Umsatz der Produkte sank innerhalb eines Jahres um zwölf Prozent. Auch Frankreich hat eine derartige, allerdings geringere Steuer. Die Industrie arbeitet deshalb längst an neuen Rezepturen.

Der größte Lebensmittelhersteller der Welt, Nestlé, hat von 2014 bis Ende 2016 weltweit "die Menge an zugesetztem Zucker um 39 000 Tonnen beziehungsweise acht Prozent gemindert", sagt eine Sprecherin. Die Forscher des Konzerns wollen einen Weg gefunden haben, die Struktur von Zucker so zu verändern, dass er sich schneller im Mund auflöst. Heißt: Für gleiche Süße soll weniger Zucker nötig sein. In jedem Fall setzen die Nahrungsmittelkonzerne aber auch auf süße Ersatzstoffe. Den meisten Verbrauchern sagen diese wenig. Auf der Zutatenliste stehen Aspartam, Erythrit oder Xylitol. Und Isoglucose.

Mengenbegrenzung fällt

Isoglucose ist bis zu 40 Prozent billiger als andere Süßungsmittel; die bedeutendsten Produzenten sitzen in den USA, aber auch der Mannheimer Südzucker-Konzern stellt den Sirup her. Die europaweit 300 000 Lebensmittel- und Getränkeerzeuger konnten Isoglucose bislang nur in kleinen Mengen einsetzen. Der Handel war zum Schutz der deutschen Rübenbauern stark beschränkt. Doch Brüssel hat den Zuckermarkt neu geregelt - ab Oktober darf der Sirup frei gehandelt werden.

"Experten, unter anderem der EU-Kommission, schätzen, dass bis zu 40 Prozent des verbrauchten Zuckers in Europa durch Isoglucose ersetzt werden wird", meint Kienle. Das gesundheitliche Risiko erklärt er so: Der flüssige Sirup enthalte einen hohen Fruchtzucker-, also Fructoseanteil, der anders als Saccharose in der Leber in Form von Fett gespeichert wird. Die Folge könne darum eine Fettleber sein. Zugleich werde die Insulinwirkung gehemmt, was Typ-2-Diabetes hervorrufen könne.

"Diskriminierung von Zucker"

Südzucker-Chef Wolfgang Heer hatte erst kürzlich auf der Hauptversammlung des MDax-Konzerns beklagt, dass Zucker zu Unrecht an den Pranger gestellt werde. Die Reduzierung von Zucker in Lebensmitteln solle aufgrund eines "vermeintlichen Zusammenhangs zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht sowie diversen weiteren Krankheitsbildern" erfolgen. "Diese offensichtliche Diskriminierung des Nährstoffes Zucker lehnen wir entschieden ab", sagte Heer. Übergewicht sei jedoch das Resultat eines Kalorienüberschusses, egal, in welcher Form die Kalorien aufgenommen würden.

Ein weiteres Problem für Verbraucher: Hersteller müssen auf ihren verpackten Lebensmitteln zwar den Gesamtgehalt an Zucker angeben. Mischen sie aber klassischen Haushaltszucker mit anderen Süßmachern, müssen sie deren Anteil in der Nährwerttabelle nicht separat benennen. "Zucker versteckt sich hinter vielen Namen und ist für viele Verbraucher nicht erkennbar", sagt Armin Valet, Experte für Lebensmittelkennzeichnung bei der Verbraucherzentrale Hamburg. So bleibe letztlich unklar, wie viel Isoglucose in einem Produkt steckt. (mit fas)