Wirtschaft

Wandel Einzelhändler und Gastronomen auf dem Lindenhof freuen sich über kaufkräftige zugezogene Bewohner

Neues Quartier bringt Glück

Mannheim.Wolfgang Zumkeller kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: von der Lage seines Kaffee- und Schokoladengeschäfts an der Straßenbahnhaltestelle Windeckstraße, vom Lindenhof als Handelsstandort. Vor drei Jahren sah das noch anders aus, sagt er. „Da wollten wir hier weg, weil halt nichts los war.“ Aber jetzt: Mit dem Glücksteinquartier kamen (und kommen) neue Wohnungen, neue Leute, eine andere Altersstruktur. „Es ziehen Leute hierher, die Geld haben, das sage ich ganz offen.“ Das merkten die Händler, weiß der Inhaber, der Zweiter Vorsitzender des Gewerbevereins im Viertel ist.

„Begehrter Stadtteil“

Auch Alexander Syri (kleines Bild), Vorsitzender des Vereins und einer der beiden Geschäftsführer des Meerwiesen-Verlags, bezeichnet den Lindenhof heute als „begehrten Stadtteil“ bei Einzelhändlern und Gastronomen. Es habe anfangs Bedenken gegeben, dass im Glücksteinquartier eine neue Einkaufsstraße entstehen könnte, in Konkurrenz zur Meerfeldstraße. Aber das sei nicht der Fall – und heute sehe man ganz klar: „Das Glücksteinquartier ist eine Bereicherung für den Lindenhof.“ Auch wenn die Lärmbelästigung durch die Baustellen und ständige Umwege, um zum Bahnhof zu gelangen, Ärgernisse seien. „Aber das ist alles nur temporär“, betont Syri.

Etwas kritischer als die beiden Vereinsvertreter beäugt Gudrun Beringer ihr Viertel aus Konsumentensicht: „Es gibt Bäcker zum Abwinken, genau wie Frisöre. Aber nur eine einzige Metzgerei.“ Das hier sei alles nicht so abwechslungsreich, klagt die 66-Jährige, die gerade durch die Meerfeldstraße flaniert. Sie wünscht sich mehr Fachgeschäfte. Dennoch sagt sie: „Was ich im Viertel besorgen kann, das besorge ich auch hier.“

Und da kommt schon einiges zusammen, das zeigt bereits ein kurzer Spaziergang zwischen Kreisel und Meeräckerplatz. Es gibt unter anderem einen Buchladen, ein Geschäft mit Obst und Gemüse aus der Region, einen Geschenkeladen, einen Fischhandel, eine Drogerie.

In der Kaffeebar „Perle“ ist es ruhig an diesem Mittag. Zwei junge Mütter sitzen mit ihren Babys im Hinterhof, zwei junge Frauen unterhalten sich drin. Ina Guo bereitet Kaffee zu. Ein schönes Café habe lange gefehlt, sagt Alexander Syri. Inzwischen gebe es mehrere: das „Meerwiesen“, die „Perle“, das Restaurant „Die Metzgerei“, das auch Kuchen serviert.

Die Kaffeebar „Perle“ ist vor zwei Jahren auf den Lindenhof gekommen. Die Einrichtung großstädtisch, ein Hipstertraum in Pastelltönen. Inhaber Christian Brödel begrüßt den Wandel im Viertel, der aber „noch sehr träge“ vonstatten gehe. Er wünscht sich einen stärkeren Zusammenhalt unter den Geschäftsleuten am Standort.

Zum späten Frühstück ist Nadine Engel aus der Schwetzingerstadt auf den Lindenhof gekommen. „Für abends finde ich es hier allerdings ein bisschen spießig“, sagt die 31-jährige IT-Expertin. „Aber tagsüber: sehr schön!“ Auch zwei junge Frauen, die am Gebäude der Eismanufaktur „Zeitgeist“ lehnen, sind in der Mittagspause extra des Eises wegen ins Viertel gefahren.

Nähe zum Zentrum

Das Mannheimer Zentrenkonzept, der kommunale Rahmen für die Ansiedlung von Einzelhandel, bewertet die Nahversorgungssituation auf dem Lindenhof als gut. 81 Prozent der Einwohner leben innerhalb eines 500-Meter-Umkreises zum nächsten Lebensmittelbetrieb. Allerdings komme es „zu deutlichen Kaufkraftabflüssen“. Das liege vor allem an der Nähe zur Innenstadt. Viele Bewohner kaufen dort ein – statt vor ihrer Haustür. Der Gewerbeverein sieht in der Lage des Viertels kein Problem. Im Gegenteil: Über die jahrelange Sperrung des Suezkanals zwischen Innenstadt und Lindenhof hätten sich Händler und Gastronomen eher aufgeregt, betont Syri.

Gerade ist neue Gastronomie auf den Lindenhof gekommen: Am Hanns-Glückstein-Platz feiert am heutigen Samstag die „Rohkosteria“ ihren Einstand, eine vegane Rohkostbar. Dass sie ausgerechnet hier eröffnet hat, ist zwar Zufall. Aber der innerstädtischen Hektik ist das Team um Inhaber Markus Heinrich ganz bewusst aus dem Weg gegangen. Der Betreiber ist gespannt: „Hier im Viertel entsteht gerade so viel Neues.“