Wirtschaft

Verpackung Immer seltener greifen Kunden im Supermarkt zur Kunststofftragetasche – Umweltministerium plant trotzdem ein Verbot

Plastiktüten vor dem Aus

Archivartikel

Berlin.„Möchten Sie eine Plastiktüte?“ Diese Frage an der Ladenkasse sollen Kunden nicht mehr zu hören bekommen. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der sogenannte „leichte Kunststofftragetaschen“ verbietet. „Ich bin sicher, dass schon bald kaum einer die Wegwerftüten vermissen wird“, sagte die SPD-Politikerin am Freitag in Berlin. Die ganz leichten Tütchen, etwa für Obst und Gemüse, und auch besonders stabile Modelle sind davon nicht betroffen.

In Deutschland würden pro Jahr und Kopf noch rund 20 leichte Plastik-Tragetaschen verbraucht, heißt es im Entwurf von Umweltministerin Svenja Schulze. „Häufig landen sie in der Umwelt, wo sie über viele Jahrzehnte verbleiben und jede Menge Schäden anrichten können“, erklärte Schulze. Verboten werden soll Geschäften, solche Tüten auszugeben, „die dazu bestimmt sind, in der Verkaufsstelle mit Waren gefüllt zu werden“. Das sei aber nur ein Schritt, Wegwerfplastik insgesamt zu verbieten, sagte die Ministerin. „Die Plastiktüte, das ist erst der Anfang.“

Seit 2016 gibt es eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels, die Plastiktaschen an der Ladenkasse nicht umsonst rauszugeben. Diese hatte Erfolg, der Verbrauch ging von 68 Stück pro Kopf im Jahr 2015 zurück auf 24 im vergangenen Jahr.

Deutlich unter Vorgaben

Von den Tüten mit einer Wandstärke zwischen 15 und 49 Mikrometer, die Schulze nun verbieten will, kamen 2018 noch 20 Stück pro Kopf in Umlauf. Die EU-Vorgaben unterbietet Deutschland damit deutlich.

Der Handelsverband HDE, der die Vereinbarung mit dem Umweltministerium getroffen hatte, reagierte verärgert: „Das Verbot ist ein klarer Vertrags- und Vertrauensbruch“, sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth der „Welt“. „Der Handel mit seinen drei Millionen Beschäftigten fragt sich, ob man sich auf das Wort der Regierung noch verlassen kann.“

Auch die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen zeigte kein Verständnis: Plastiktüten würden oft „nach mehrmaligem Gebrauch als Müllbeutel verwendet“. Sie landeten nur in der Umwelt, wenn Verbraucher sie falsch entsorgten. In den vergangenen Jahren hatte sich das Umweltministerium mit dem Rückgang der Tütenzahl eigentlich zufrieden gezeigt, obwohl Verbände mehr forderten. Als Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Mai ein Tüten-Verbot forderte, hatte ein Sprecher des Umweltministeriums noch gesagt, es gehe „im Grunde um Peanuts“: Sie machten nicht einmal ein Prozent des Verpackungsaufkommens aus Kunststoff aus.

Hofreiter fordert Gesamtkonzept

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sprach denn auch von einer „schönen Sache“, die aber eher eine „symbolische Maßnahme“ sei. Es brauche ein Gesamtkonzept gegen Verpackungsmüll. Der WWF sieht das auch so: Dem Verbot komme in Deutschland „eher symbolische Bedeutung zu“, sagte Abfallexperte Bernhard Bauske. „Wenn stattdessen der Verbrauch von Papiertüten steigt oder die Verbraucher auf die Hemdchenbeutel von der Obsttheke ausweichen, ist aus ökologischer Sicht nichts gewonnen.“

Genau das befürchtet FDP-Umweltpolitikerin Judith Skudelny: „Das Verbot wird den konstant hohen Verbrauch der kleineren Gemüse- und Obsttüten weiter befeuern und den Ersatz durch ökologisch schlechtere Alternativen wie die einmalige Nutzung von Papiertüten befördern“, sagte sie. Der Verbraucher werde bei der Frage nach umweltfreundlichen Alternativen im Stich gelassen.

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