Wirtschaft

Luftverkehr Streiks treffen Fluggesellschaft hart / Weitere Ausstände in ganz Europa möglich

Ryanair streicht 140 Flüge

Archivartikel

Frankfurt.Die beiden Männer nehmen es gelassen. Wegen des Streiks der Piloten und der Flugbegleiter hat der irische Billigflieger Ryanair gestern ihren Flug von Frankfurt ins portugiesische Faro gestrichen. „Wir bekommen morgen einen Ersatzflug um 8.45 Uhr“, sagt der eine am Ryanair-Schalter am Frankfurter Flughafen. Verärgert sind die beiden nicht, sie haben Verständnis für den erneuten Streik der Piloten und Flugbegleiter.

Bei Flügen von und nach Deutschland war Ryanair gestern deutlicher als bei den bisherigen Streiks betroffen. Den Flugplänen zufolge mussten die Iren fast 140 der regulären 224 Flüge von und nach Deutschland streichen.

Berliner Chaos

Am stärksten betroffen war Berlin-Schönefeld mit 26 gestrichenen Starts, 18 Flüge aus dem Ausland nach Berlin fielen aus. In Frankfurt mussten die Passagiere für elf Ryanair-Flüge passen, acht geplante Flüge nach Frankfurt fielen aus. Ausfälle gab es auch in Köln/Bonn, Bremen, Düsseldorf, Weeze am Niederrhein, in Hahn im Hunsrück und in Hamburg. In Dortmund, Karlsruhe/Baden-Baden, Memmingen, München, Nürnberg und Stuttgart musste Ryanair keinen Flug streichen.

Die Iren selbst hatten gesagt, man rechne mit der Streichung von rund 250 der geplanten 2400 Flüge in Europa. Gestreikt wurde auch in Italien, Portugal, Spanien, Belgien und den Niederlanden. Viel Hoffnung, dass es mit den Streiks nun vorbei ist, hat man bei der Pilotenvereinigung Cockpit nicht. „Bis zum heutigen Tag liegt uns kein verhandlungsfähiges Angebot vor“, sagte Ingolf Schumacher, Tarifexperte und Verhandlungsführer der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) gestern.

„Wir sind stocksauer“

Auf das Angebot, in eine Schlichtung zu gehen, habe Ryanair nicht reagiert. „Wir Piloten sind stocksauer.“ VC geht es um ein höheres Fixgehalt. Zudem dürften Piloten und Flugbegleiter nicht plötzlich an einen anderen Standort versetzt werden. Daneben übe Ryanair Druck aus. Das Unternehmen habe bei den letzten Streiks Vorgesetzte aufgefordert, Streikende zu fotografieren. „Das ist ein ungeheuerlicher Skandal, wie das Unternehmen mit den Existenzängsten der Beschäftigten spielt“, so Schuhmacher.

Ryanair bezeichnet den Streik als unnötig. Man habe einer Schlichtung zugestimmt. VC habe man aufgerufen, eine entsprechende Vereinbarung zu unterzeichnen. Ryanair-Vorstandsmitglied Peter Bellew wirft zudem der Lufthansa vor, für den Streik mitverantwortlich zu sein. Demnach werde VC „von der Lufthansa kontrolliert“. Ryanair-Chef Michael O’Leary beklagt, dass sich Piloten konkurrierender Airlines in die Verhandlungen einmischen würden.

Die Iren behaupten, dass sie bei der Bezahlung der Piloten von Boeing-737-Jets Marktführer in Europa sind. Kapitäne würden pro Jahr 140 000 und 200 000 Euro verdienen. Im nächsten Jahr würde der Anteil der fixen Zahlungen erhöht. Das gelte auch für Flugbegleiter, die bei Ryanair mit 30 000 bis 40 000 Euro pro Jahr entlohnt würden.

Auch bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die die Flugbegleiter vertritt, ist man verärgert. Nach vier Verhandlungsrunden liege immer noch kein verhandlungsfähiges Angebot vor, sagt Bundes-Vorstandsmitglied Christine Behle. „Die größte Low-Cost-Airline Europas verweigert den Beschäftigten nach wie vor ein würdiges Einkommen und eine angstfreie Unternehmenskultur.“ Immer noch arbeite die Mehrheit der Ryanair-Flugbegleiter in absolut unsicheren Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit, Probezeit und Kettenbefristungen.

Krank zur Arbeit

Verdi-Chef Frank Bsirske zeigte sich gestern fassungslos über die Verhältnisse. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) solidarisierte sich mit den Streikenden. Ryanair verletze fundamentale Arbeitnehmerrechte. Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo warnte vor möglichen Sicherheitsrisiken bei Ryanair durch die prekären Arbeitsverhältnisse.

Wer sich täglich Sorgen um seinen Job und sein Einkommen machen müsse, so Ufo-Tarifvorstand Nicoley Baublies, könnte sich nicht konzentrieren und gehe auch mal krank zur Arbeit. Das könne auf Dauer zu einem Risiko für den Ernstfall an Bord werden. „Wir wollen jetzt den Wandel des Unternehmens“, betonte VC-Experte Schumacher.