Wirtschaft

Saint Gobain schließt Mannheimer Glaswerk

Archivartikel

Mannheim.

Es ist das Aus nach unglaublichen 168 Jahren: Im Mannheimer Stadtteil Luzenberg endet spätestens Mitte kommenden Jahres die Glasproduktion. Das hat der französische Konzern Saint Gobain am Mittwoch mitgeteilt. Rund 140 Beschäftigte, der weit überwiegende Teil davon in der Produktion, sind von diesem harten Schnitt betroffen. Auch sein Werk in Wilsdruff (Sachsen) will Saint Gobain dichtmachen, dort sind 16 Mitarbeiter beschäftigt.

In Mannheim wird sogenanntes Gussglas produziert, das als Dekorglas zum Beispiel in Türen eingesetzt wird. Außerdem dient es als Ausgangsmaterial für Glas, das bei Photovoltaikanlagen oder in Gewächshäusern verwendet wird.

Die Nachfrage nach diesem Glas ist laut einem Saint-Gobain-Sprecher seit einigen Jahren immer weiter zurückgegangen, und das europaweit. Ein Grund war demnach die zunehmende Abwanderung der Produktion von Photovoltaik-Anlagen nach Asien. Dadurch sei das Mannheimer Glaswerk schon längere Zeit nur teilweise ausgelastet gewesen, „und dann laufen die Kosten davon“, so der Unternehmenssprecher.

Die Belegschaft wurde am Mittwoch über die Konzernpläne informiert. Saint Gobain kündigte Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern an, und zeigte sich der Mitteilung zufolge „zuversichtlich, (...) einen angemessenen Interessenausgleich zu finden“. Mit der Schließung der Glasfabrik im Stadtteil Luzenberg würde ein bedeutendes Kapitel Mannheimer Industriegeschichte enden. Der Bau und die Inbetriebnahme der sogenannten Spiegelmanufaktur im Jahr 1853 markierten den Beginn der Industrialisierung der Quadratestadt.

Für die Produktion waren zunächst nur französische Arbeiter zuständig – Deutsche beherrschten damals ihr Verfahren der Glasherstellung nicht. Saint Gobain brachte die Facharbeiter von der anderen Seite des Rheins mit und errichteten ihnen eine Wohnstätte direkt neben dem Arbeitsplatz: die älteste Werkssiedlung Mannheims, die sogenannte Spiegelkolonie.

Die hochwertigen Produkte entwickelten sich zum Exportschlager. Und auch in Deutschland waren sie begehrt: Der bayerische König Ludwig II. ließ seine Schlösser Herrenchiemsee und Linderhof mit ihnen ausstatten.

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