Wirtschaft

Saint Gobain Kundgebung von Gewerkschaft und Mitarbeitern

Saint Gobain: Zeichen gegen Schließung

Archivartikel

Mannheim.„Tradition, Qualität und Fleiß zählen einen Scheiß“, steht auf den Plakaten, die aus der Menge ragen. Die Belegschaft von Saint Gobain protestierte am Donnerstag zusammen mit der IG BCE Mannheim vor den Werkstoren der Glasfabrik im Stadtteil Luzenberg. Ende Juni haben die rund 140 Mitarbeiter erfahren, dass der älteste Standort des französischen Konzerns aufgrund sinkender Aufträgeschließen soll. Saint Gobain Glas soll bis Ende Juli geöffnet bleiben, die Solarsparte bis höchstens nächsten Sommer.

„Ich war immer da für die Firma, 36 Jahre lang. Jetzt bekomme ich so einen Hammer vorgesetzt. Das ist echt enttäuschend“, meint Karl-Ludwig Thon (55), der unter den rund 70 Teilnehmern ist. „Der soziale Abstieg ist vorprogrammiert“, meint er. Einen neuen Job zu finden in diesen Zeiten – kein einfaches Unterfangen. Viele der Arbeitnehmer des Mannheimer Standorts sind angelernte Kräfte ohne Ausbildung. „Ich hoffe, die Firma ist korrekt, wenn es um einen guten Sozialplan und eine Abfindung geht. Das war ich schließlich all die Jahre ihr gegenüber auch“, sagt Thon.

Immanuel Okoye (61) ist mit seinem Sohn gekommen. 30 Jahre lang war die Spiegelfabrik sein Arbeitsplatz – nun soll Schluss sein. Die Nachricht über die Schließung kam für ihn und seine Kollegen überraschend. Die Bombe platzte in der Woche, in der viele Mitarbeiter wieder aus der Kurzarbeit zurückkehrten. Wie es für ihn und seine Kollegen weitergeht, ist Okoye nicht bekannt. „Wir erfahren von Arbeitgeberseite kaum etwas“, meint er. Auch der Betriebsrat ist unzufrieden mit der Kommunikation des Konzerns: „Wir bekommen all unsere Infos nur häppchenweise auf Anfrage“, meint Dieter Oettinger, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender.

Derweil spricht der Betriebsratsvorsitzende Ilhan Bakir von einem Pult zu den Mitarbeitern: „Dass so viele Mitarbeiter hier sind, zeigt, wie wichtig uns unsere Spiegelhütte ist! Wir wollen ein Zeichen setzen für den Aufsichtsrat, der am Montag tagt. Wir lassen uns das nicht gefallen!“ Der Konzern habe die Mitarbeiter vor vollendete Tatsachen gestellt. „Vier Folien zur Rentabilität und das war’s“, sagt Bakir. Laute Zustimmung in der Menge. Offene Diskussionen mit dem Betriebsrat hätte es nicht gegeben. In den aktuellen Verhandlungen werde die Stimme des Arbeitgebers rauer. „Es weht ein neuer Wind im Konzern. Tradition zählt jetzt nicht mehr!“

Solarparte ohne Betriebsrat

Frank Heßler, stellvertretender Landesbezirksleiter der IG BCE Baden-Württemberg ist auch vor Ort. „Der Konzern tritt unser Mitbestimmung mit Füßen“, sagt Heßler. Die Gründung eines Betriebsrats für die rund 50 Mitarbeiter der Solarsparte werde erschwert. Laut Heßler und Bakir würde der Konzern die Unterstützung der Gewerkschaft aktiv verhindern. Der Konzern dementiert die Vorwürfe. Die Solarsparte galt am Ende als gewinnträchtigster Zweig des Standorts. Seine Mitarbeiter sind ohne Betriebsrat in einer schlechteren Ausgangslage als ihre Kollegen aus dem Glasbereich, die einen Betriebsrat haben. 

Auch Stefan Fulst-Blei, SPD-Landtagsabgeordneter für Mannheim, unterstützt die Belegschaft von Saint Gobain. „Der Arbeitgeber hat den Mitarbeitern quasi über Nacht den Stuhl vor die Türe gestellt“, kritisiert Fulst-Blei. Das Werk sei Teil einer stolzen Tradition und habe die Identität des Stadtteils Luzenberg geprägt. Die Perspektive der Angestellten und ihrer Familien müsse in der öffentlichen Diskussion bleiben.