Wirtschaft

Finanzen Die Krise vor zehn Jahren hat die Bankenlandschaft verändert / Experten zufolge hat sich seither einiges verbessert

„Sicherer, aber nicht sicher“

Archivartikel

Frankfurt.Krisen vorherzusagen sei heute nicht einfacher als vor zehn Jahren, sagt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Allenthalben ist in der Finanzbranche Skepsis zu spüren. Raimund Röseler, bei der Finanzaufsicht für Banken zuständig, bereitet eine Task Force vor, um Banken zu betreuen, die in Schieflage geraten sind. Sollte die Konjunktur schwächeln, sollten die Zinsen steigen, könnte es Probleme bei der Rückzahlung von Krediten geben.

Zehn Jahre nach dem Tag, als die US-Notenbank der Investmentbank Lehman Brothers den Geldhahn zudrehte, ist die Vorsicht nachvollziehbar. Es war ein Schritt, der bis dahin als nahezu unvorstellbar galt – und als Höhepunkt der größten Finanzkrise seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die Geschichte einging.

Ein ganzes Bündel von Faktoren habe diese seinerzeit ausgelöst, sagt Bundesbank-Präsident Weidmann. Übertreibungen, Regulierungslücken, Fehlanreize im Finanzsystem, völlig falsche Einschätzung von Risiken und der US-Immobilienmarkt, an dem heftig gezockt wurde.

US- und europäische Banken haben freilich nicht nur gezockt, sie haben ihre Kunden auch über den Tisch gezogen. Es hagelte Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe.

Vor zehn Jahren war die Lage auch hierzulande so dramatisch, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) genötigt sahen, Sparer und Bankkunden zu beruhigen. „Ihre Einlagen sind sicher“, betonen beide am 5. Oktober 2008. „Das war ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt Steinbrück.

Die Bundesregierung schnürte ein 500 Milliarden Euro schweres Banken-Rettungspaket. Nebenbei musste sie die Commerzbank stützen. Das damals drittgrößte deutsche Geldhaus hatte sich an der Übernahme der Dresdner Bank verhoben. 18 Milliarden Euro Steuergelder retteten die Bank, noch heute ist der Staat mit 15,6 Prozent größter Aktionär. Die HypoRealEstate wurde komplett verstaatlicht.

Was dies alles den Steuerzahler am Ende gekostet hat, ist noch offen. 80 Milliarden Euro könnten es sein, schätzt der Bonner Finanzprofessor Martin Hellwig.

Die Finanzkrise hat den deutschen Bankensektor durcheinandergewirbelt. Die globale Bedeutung der Deutschen Bank ist dramatisch gesunken. Die der Commerzbank sowieso. Beide hinken heute hinter US-Instituten hinterher. Die Dresdner Bank ist Geschichte, die Postbank wurde von der Deutschen Bank geschluckt, mehrere Landesbanken mussten unter das Dach anderer Landesbanken schlüpfen.

Ist die Finanzwelt zehn Jahre danach sicherer? Müssen Anleger, denen Banken vor 2008 Zertifikate von Lehman als rentabel und als sicher verkauft haben, wieder bluten, wenn sie möglicherweise zu riskante Wertpapiere kaufen? „Sicherer, aber nicht sicher“ sei die Finanzwelt, sagt Hellwig. Einiges habe sich verbessert, heißt es auch beim Verbraucherportal Finanztest.

Regulierung verschärft

Die Regulierung wurde massiv verschärft, die Banken müssen deutlich mehr Eigenkapital zur Absicherung ihrer Risiken vorhalten. Für mit Risiken verbundenen Aktiva, also etwa Kredite, müssen sie bis zu 13 Prozent Kapital vorhalten, gemessen an ihrem Bilanzvolumen drei Prozent. Für viele Experten ist das noch zu wenig.

In Europa wacht mittlerweile die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte europäische Bankenaufsicht (SSM) gemeinsam mit den nationalen Aufsehern über die Institute, und das durchaus streng. „Wir können viel stärker und auch präventiver eingreifen“, sagt Sabine Lautenschläger, stellvertretende SSM-Chefin. Mittlerweile gibt es Abwicklungsregeln für angeschlagene Banken. Das soll verhindern, dass Institute wieder vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Hierzulande wacht der Ausschuss für Finanzstabilität mit Experten aus dem Bundesfinanzministerium, der Bundesbank und der Finanzaufsicht BaFin über die Lage.

Auch Bankkunden, Sparer und Anleger dürfen sich heute sicherer fühlen. Europaweit sind Einlagen pro Kunde und Bank bis zu 100 000 Euro abgesichert, in Deutschland geht die zusätzliche freiwillige Absicherung deutlich darüber hinaus. Über Finanzprodukte und die jeweiligen Risiken muss genau informiert werden. Die Beratung, auch am Telefon, muss protokolliert werden.

Aber Risiken bleiben. Es sind die hohen Schulden: Die öffentlichen Außenstände seien heute in vielen Ländern höher als vor der Lehman-Pleite, warnt Commerzbank-Ökonom Jörg Krämer. Beispiel Italien: Das Land hat die höchsten Schulden seiner Geschichte angehäuft. Auch in den Bankbilanzen schlummern gewaltige Risiken in Form von notleidenden Krediten. In Europa lag deren Volumen Ende 2017 bei rund 860 Milliarden Euro. Auch die privaten Schulden sind in Europa kaum gefallen. In den USA ist nicht nur die öffentliche Verschuldung gigantisch. Auf 13 Billionen Dollar summierten sich Ende 2017 die Schulden der US-Privathaushalte.

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