Wirtschaft

Hauptversammlung Neuer BASF-Konzernchef Brudermüller startet / Hohe Erwartungen der Aktionäre im Mannheimer Rosengarten

„Sie treten ein großes Erbe an“

Archivartikel

Ludwigshafen/Mannheim.So mancher Aktionär hat bereits eine Vorstellung, was der scheidende BASF-Chef Kurt Bock mit seiner neuen Zeit anfangen könnte. Nach Berlin solle er gehen, Politik machen, sagt etwa Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Dort braucht man so Leute wie Sie.“

Mit der gestrigen Jahreshauptversammlung im Mannheimer Rosengarten hat die Amtszeit von Bock geendet. Von nun an leitet sein früherer Stellvertreter Martin Brudermüller die Geschicke des Ludwigshafener Chemiekonzerns. Wie Tüngler loben viele der rund 5900 anwesenden Aktionäre die Amtszeit des scheidenden Vorstandsvorsitzenden. Bock – oft als nüchterner Ostwestfale tituliert – gibt sich bei seiner Abschiedsrede gewohnt sachlich: „Ich habe immer gern für die BASF gearbeitet. Es war eine große Freude.“ Und: „Es ist ein Privileg, dieses Unternehmen zu führen.“

Klagen über Dividende

Von den Anlegern kommt jedoch auch zur Genüge Kritik. Vor allem an der Dividende. Für das erfolgreiche Jahr 2017 soll sie mit 3,10 Euro zehn Cent höher ausfallen als im Vorjahr. „Da wäre mehr drin gewesen“, sagt Tüngler. Und auch die Prognosen für das laufende Jahr seien angesichts diverser Zukäufe zu pessimistisch. Der Dax-Konzern peilt ein Plus von fünf Prozent an.

Überhaupt Zukäufe: „Warum jetzt Saatgut?“, fragt Tüngler und meint damit die Übernahme der Saatgutgeschäfte von Bayer. Der Leverkusener Konzern war von der Kartellbehörden dazu verpflichtet worden, die Geschäfte abzutreten, wenn er den US-Saatguthersteller Monsanto übernehmen will. „Wir zahlen also Hilfe an Bayer, eigentlich sollten wir aber eine Prämie kriegen“, kommentiert ein weiterer Aktionär. Bock kündigt an, dass der Konzern in diesem Bereich überdurchschnittlich wachsen wolle, auch durch weitere Akquisitionen.

Streit um Umweltschutz

Bauchschmerzen haben Anteilseigner beim Blick auf die Agrarchemie-sparte. Der Vorwurf: Durch das Geschäft mit Pestiziden gefährde der Konzern die Artenvielfalt. Gefährliche Phänomene wie das Bienensterben würden so gefördert, sagt etwa Ingo Speich von der Union Investment. „Die BASF muss sich stärker für den Umweltschutz einsetzen“, lautet deshalb Speichs Fazit. Bock erwidert, der richtige Einsatz der Mittel stelle keine Gefahr für Insekten dar.

Zudem sind da noch immer die Erinnerungen an die Ereignisse bei Pretoria in Südafrika, die den Konzern nicht loslassen. Im August 2012 schossen Polizisten dort 34 Bergleute nieder. Die Arbeiter demonstrierten für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Lonmin, der Minenbetreiber, ist ein enger Partner der BASF. Genau deshalb trage der deutsche Konzern auch Verantwortung, sagt der südafrikanische Bischof Jo Seoka. Als geistlicher Beistand der Arbeiter reist er mittlerweile zum vierten Mal zur Jahreshauptversammlung. Noch immer seien die Bedingungen prekär, sagte Seoka. Das, obwohl die BASF versprochen habe, Druck auf den Lieferanten Lonmin aufzubauen. „Soziale Standards stehen nicht im Widerspruch zu Profit“, sagt Seoka. In diesem Jahr habe Bock zu verstehen gegeben, Seoka solle die Besuche beenden, da es in dieser Sache nichts Neues gebe.

Zweijährige Abkühlphase

Dass nun doch eine Delegation aus Südafrika angereist ist, „nehmen wir sportlich“, so Bock. Eine Aussage, die eine Aktionärin sogleich als „zynisch“ rügte. „Wir sind überzeugt, dass es richtig ist, weiter Geschäfte mit Lonmin zu machen“, betont Bock, wobei er versichert, dass internationale Standards bei Menschenrechten eingehalten würden.

Bock soll nach einer zweijährigen „Abkühlphase“ Aufsichtsratsvorsitzender werden. Der neue Chef Brudermüller will vor allem Innovationen im Unternehmen anschieben, auch bei der Elektromobilität. Die Erwartungen der Aktionäre sind hoch. Tüngler: „Sie treten ein großes Erbe an.“