Wirtschaft

Recycling Wirtschaftlicher und ökologischer Nutzen umstritten / Forschung steckt noch in Kinderschuhen / Mannheimer Kleiderlabel Phyne verarbeitet Stoffreste zu Innenfutter und Hemden

Textilien in den Kreislauf bringen

Mannheim.Roboter fliegen zum Mars. Corona-Apps analysieren das eigene Infektionsrisiko. Einen alten Pullover zu einem neuen machen? Schwierig. Forschungsprojekte und Start-ups versuchen sich trotzdem am Textilrecycling. Darunter ist auch das Mannheimer Kleiderlabel Phyne.

Das junge Unternehmen setzt auf langlebige Mode: Statt wechselnder Kollektionen gibt es Basics. Nun will man einen Schritt weitergehen, sagt Geschäftsführer Andri Stocker. „Selbst Biobaumwolle hat schließlich einen Footprint.“ Das Team von Phyne will Textilien zurück in den Kreislauf bringen. Es fing mit Stoffresten an, die bei ihrer Produktion in Portugal übrig blieben. Heute „leben“ diese Reste weiter im Innenstoff einer Jacke, im August soll es ein ganzes Männerhemd aus Stoffresten geben.

So romantisch wie sich Textilrecycling anhört, ist es nicht. Wer Kleider recyceln will, muss sie mit Maschinen in ihre Bestandteile zerreißen. „Die Fasern werden bei dem Prozess zerstört und gekürzt“, erklärt Textilingenieur Kai Nebel von der Hochschule Reutlingen. „Die Qualität nimmt dabei ab.“ Das musste auch Phyne erfahren: Als die Baumwolle zerkleinert und zu Fasern aufgerissen wurde, musste sie wieder mit Zellstoff gestreckt werden, um das Garn robuster zu machen, das daraus entstand. Nicht jedes Material eignet sich zum Wiederbeleben: je sortenreiner, desto machbarer. Für ein Polyester-Baumwoll-Gemisch bräuchte es neben mechanischen zusätzlich chemische Schritte. Innovationen im Recycling gibt es besonders bei chemischen Verfahren. Forscher experimentieren mit neuen Lösungsmitteln, suchen nach „sauberer Chemie“, erzählt Nebel. Farbe, Regenschutz . . . – alles muss wieder raus. Textilrecycling muss deshalb schon beim Design mitangelegt sein.

Das Recycling von Verschnittresten funktioniert bei Phyne, da es seine regionalen Liefer- und Produktionsketten überschauen kann. Im großen Stil aber ist es bisher utopisch: Ein Mitarbeiter im Sortierbetrieb weiß wenig über die Herstellung und genaue Zusammensetzung der weltweit produzierten Altkleider auf dem Tisch vor ihm. Damit es zu einem echten Textilkreislauf kommt, müssen Herstellungs-, Sammel- und Recyclingsysteme ineinandergreifen.

Das Forschungsprojekt „Ditex“, an dem auch Nebel und die Hochschule Reutlingen beteiligt sind, will eine Kreislaufwirtschaft mit Großverbrauchern simulieren. Die Berufsbekleidung von Fast-Food-Ketten liefert das homogene Recyclingmaterial dafür. Der Produzent verleiht die Kleidung an die Verbraucher. Nach 100 bis 200 Nutzungszyklen soll sie wiederaufbereitet werden. Ein digitales Kleideretikett soll Informationen zur Herstellung und Aufbereitung liefern. Lohnt sich der Aufwand des Textilrecyclings ökonomisch und ökologisch? Darauf erhofft sich das Projekt Antworten.

Lohnt sich der Aufwand?

Zum Putzlappen aus Altkleidern reicht es fast immer. Dieser Prozess aber ist „Downcycling“ – und nicht „Upcycling“: Das neue Produkt ist minderwertiger als das Original. Den Anteil an „echtem“ Kleidungsrecycling in der Alttextilbranche – etwa von Hose zu Hose - schätzt Nebel auf den „niedersten Promillebereich“.

Auch Phyne will über Stoffreste hinaus: Der Kunde soll seine getragenen Produkte zum Recyceln zurückgeben können. „Aktuell ist das vor allem eine Frage der Finanzierung“, sagt Stocker. Bereits seine Kleider aus alten Stoffresten kosten Phyne in der Herstellung rund zehn bis 15 Prozent mehr als solche aus neuer Baumwolle, schätzt Stocker. Die Kosten für das Recyceln fertiger Kleider werden wohl noch höher.

Auch große Kleiderketten werben darum, alte Produkte zurückzugeben. Die Kritik: Die Ketten geben die Kleider nur an Entsorger weiter.

Recycling als Marketingstrategie regt Nebel auf: „Das ist nur Werbung, die den Umsatz steigern soll.“ Noch mehr Neuware wird so verkauft. Wirklich nachhaltig wäre, sagt Nebel, keine weiteren Kleider in Umlauf zu bringen, sondern die zu tragen, die im Überfluss da sind. Für Stocker von Phyne ist gerade der Anteil an ungenutzter Kleidung ein Argument für Recycling: „Der Rohstoff ist ja da. Er liegt halt in der Schublade und nicht auf dem Feld.“

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