Wirtschaft

Saint Gobain Beschäftige kannten die schlechten Zahlen

Trauer vor dem Werkstor

Mannheim.„Saint Gobain? Das war doch DIE Firma hier“, sagt Trudel Kätsch (79), die auf dem Luzenberg auf ihre Straßenbahn wartet. Jetzt habe sie aus der Zeitung erfahren, dass das Werk schließen soll. (Diese Redaktion hatte bereits am Mittwoch darüber berichtet.) Nicht nur für sie ist es ein unerwartetes Ende: Der Niedergang geschah leise.

Häuserblocks für die Arbeiter

Wenige Hundert Meter Luftlinie von der Haltestelle entfernt steht die Spiegelfabrik. Die Wege in der Gegend heißen „Spiegelstraße“ und „Spiegelfabrik“. „Mein Mann hat immer gesagt, irgendwann macht der Laden dicht“, erzählt eine Frau. In der knallheißen Sonne putzt sie mit ihm das Auto. Ursprünglich waren die Häuserblocks rund um Saint Gobain nur für die Mitarbeiter. „Über die Jahre sind immer mehr Firmenfremde hinzugezogen“, erzählt das Paar. Der Mann will nicht mit Namen genannt werden. Bis heute arbeiten Familie und Verwandte in der Firma. Er selbst hat mehr als 40 Jahre seines Lebens in der Spiegelfabrik verbracht. Er sah, „wie es stetig bergab ging, immer mehr repariert, immer weniger investiert wurde“.

Um die Mittagszeit ist Schichtwechsel bei Saint Gobain. Die Mitarbeiter, die kommen und gehen, haben eins gemein: Sie sind männlich, viele über 50 Jahre. „Ich will nicht reden, es ist schlimm genug“, sagt ein Mann. Nächstes Jahr hätte er sein 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. „Ich war fünf Jahre von der Rente entfernt“, sagt ein anderer. Jetzt müsse er etwas finden für die restlichen Jahre. Wie das gehen soll, weiß er nicht. „Ich bin mit dem Unternehmen verwachsen“, sagt ein Betroffener. Die Arbeit habe Spaß gemacht, auch weil viele der Kollegen sich schon seit 20 Jahren kennen. Die Geschäftsleitung sei korrekt gewesen gegenüber den Mitarbeitern: „Es war ein Geben und ein Nehmen.“ Ein dreizehntes Monatsgehalt und Urlaubsgeld sei bis zum Ende gezahlt worden, erzählt ein anderer.

Groll über das Aus äußert keiner der Mitarbeiter an diesem Tag. Niemandem sei verborgen geblieben, dass die Aufträge fehlten und die Bilanzen schlechter wurden. „Regelmäßig kamen unser Direktor oder die Chefs aus Frankreich und haben berichtet, wie viel Minus gemacht wurde“, erinnert sich ein Mitarbeiter. Die letzten schlechten Zahlen seien im Februar vermeldet worden.

Seitdem Stille. „Seit circa März stand unser Lager voll“, meint Dirk Schönleber (54). Das Glas bekam man nicht mehr los. Schönleber arbeitet seit 1998 im Werk. Die letzten zwei Monate war er in Kurzarbeit, dann der Anruf vom Werk: „Es geht weiter.“ Am Donnerstag war sein erster Tag. Am Abend davor schickte ein Kollege einen Link des „Morgenweb“ – mit der Nachricht über die Schließung des Werks.

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