Wirtschaft

Dieselskandal Für den ehemaligen Volkswagenchef Martin Winterkorn spitzt sich die Lage weiter zu

VW prüft Anspruch auf Schadenersatz

Archivartikel

Wolfsburg.Der Abgas-Skandal bedeutete einen Absturz für den Volkswagen-Lenker Martin Winterkorn, der sich beim Rücktritt 2015 „fassungslos“ über die „Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern“ zeigte. Lange war es ruhig um ihn. Nun kehrt die Affäre mit Wucht zurück. So , prüft der VW-Aufsichtsrat in der Abgasaffäre Schadenersatzansprüche auch gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden. „Die Prüfung dauert seit längerer Zeit an und wird unabhängig von behördlichen Verfahren durchgeführt“, sagte Aufsichtsratssprecher Michael Brendel am Samstag der Deutschen Presseagentur. Diese Prüfung sei aber noch nicht abgeschlossen. „Dementsprechend gibt es keine Vorfestlegungen, und es wurden auch noch keine Entscheidungen getroffen.“

Brendel betonte: „Bei dieser Frage orientiert sich der Aufsichtsrat einzig und allein am Unternehmenswohl.“ Der Aufsichtsrat prüfe mögliche Ansprüche gegen ehemalige oder amtierende Vorstandsmitglieder „vorbehaltlos und ohne Ansehen der Person“. Brendel reagierte auf einen Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, der Aufsichtsrat prüfe, Winterkorn für die Milliardenschäden durch den Dieselskandal haftbar zu machen. Winterkorn drohe der Ruin, sein Vermögen könnte im Extremfall komplett weg sein.

Im Umfeld des Aufsichtsrates kursierten dem Bericht zufolge Zahlen, wie viel von dem einstigen Manager-Star zu holen sei. Der frühere VW-Chef habe im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere im Dienste des Autoherstellers mehr als 100 Millionen Euro verdient, schreibt die Zeitung. Allein seine Pensionsansprüche summierten sich auf knapp 30 Millionen Euro. Doch könnte das Vermögen im Zweifel schnell aufgezehrt sein, rechnet die „FAS“ vor, da der Diesel-Skandal Volkswagen bisher schon 25,8 Milliarden Euro gekostet habe.

Der ehemalige VW-Chef war im September 2015 von seinem Amt zurückgetreten, kurz nachdem US-Behörden Manipulationen bei Dieselautos aufgedeckt hatten. Seitdem sind mögliche Schadenersatzansprüche gegen hochrangige Manager ein Thema für den Aufsichtsrat. Solche Ansprüche zu prüfen, ist eine gesetzliche Pflicht: Nach dem Aktiengesetz (§93) sind Vorstandsmitglieder, die ihre Pflichten verletzen, zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.

Zuletzt hatte etwa der Mannheimer Industriedienstleister Bilfinger im Februar dieses Jahres nach zwei Jahren Prüfung entschieden, gegen zwölf Vorstände, die das Unternehmen zwischen 2006 und 2015 Bilfinger führten, Schadenersatzansprüche wegen Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit Korruptionsfällen geltend zu machen. Unter den Betroffenen sind auch der ehemalige Vorstandschef Herbert Bodner und sein Nachfolger, der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch. Noch allerdings seien derartige Schadenersatzansprüche in der deutschen Wirtschaft selten, erklärte Moritz Renner, Professor für Wirtschaftsrecht an der Uni Mannheim, im Februar dieser Zeitung.

600 000 Fahrzeuge betroffen

Den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn holt nun der Dieselskandal ein: Volkswagen hatte nur mit einer „defeat device“ genannten Software die Schadstoff-Grenzwerte bei Tests eingehalten. In den USA waren rund 600 000 Fahrzeuge aus dem Konzern betroffen. In Deutschland ordnete das Kraftfahrt-Bundesamt für 2,4 Millionen Wagen Rückrufe an. Winterkorn hatte betont, sich „keines Fehlverhaltens“ bewusst zu sein. Auf Konzernebene hatte VW bereits ein Schuldgeständnis gegenüber den US-Behörden abgegeben und hohe Strafen zahlen müssen. Für Vergleiche in Nordamerika wurden über 25 Milliarden Euro verbucht. In Europa wollen Anwälte ebenfalls Schadenersatz erstreiten.

Die amerikanische Justiz will den früheren Top-Manager nun wegen Betrugs im Abgasskandal zur Rechenschaft ziehen. Ihm wird außerdem Verschwörung zum Verstoß gegen Umweltgesetze und zur Täuschung der Behörden vorgeworfen. Nach Auskunft einer Justizsprecherin erging Haftbefehl gegen Winterkorn. In Deutschland ermittelt derweil die Staatsanwaltschaft Braunschweig unter anderem wegen Betrugsverdachts weiter gegen den ehemaligen VW-Vorstandsvorsitzenden. dpa/kla