Wirtschaft

Finanzen Vor rund zehn Jahren – am 15. September 2008 – brach die Investmentbank Lehman Brothers zusammen / Folgen spalten USA bis heute

Was bleibt, ist die Wut

Washington.Isabella Martinez (51) kaufte ihre Wohnung in Silver Spring vor den Toren Washingtons im Sommer 2007. Freunde hatten der Angestellten der Stadtregierung von Washington geraten, es wie alle zu tun. Ohne eigene Ersparnisse einen Kredit aufzunehmen und die eigene Immobilie zu erwerben. „Das war der Fehler meines Lebens“, sagt Isabella heute über den 350 000-Dollar-Kauf. Die Schulden hat sie immer noch, wie auch die Wohnung, die niemand haben will, weil sie in einer schlechten Nachbarschaft liegt und schwere Mängel aufweist. Kein Wunder, dass sie sich von dem Wertverlust seit dem Platzen der Immobilienblase 2008 kaum erholt hat. Er liegt heute bei etwas über 200 000 Dollar. „Als die Preise einbrachen, hat mir niemand geholfen, die Hypothek für meine wertlose Wohnung zu tragen“, klagt Isabella, die ausreichende Einkünfte hatte, um nicht „unter Wasser“ verkaufen zu müssen.

Anders als Millionen Amerikaner, die mit sogenannten „Short Sales“ Verluste realisierten oder ihre Kredite einfach nicht mehr bedienten. Zu Beginn einer Kettenreaktion brachen erst die Immobilienpreise ein. Am stärksten bei den sogenannten „Subprime“-Krediten. Dabei handelte es sich um Hypotheken an Menschen, die keine Anzahlung leisten konnten oder deren Bonität fraglich war. Die Risiken versteckten die Banken, indem sie mehrere dieser Hypotheken zu sogenannten Asset-Backed-Securities bündelten und diese Wertpapiere dann scheibchenweise in Umlauf brachten. Am Ende wusste niemand mehr, wer, welche Risiken in der Realökonomie hielt.

Ganz groß im Geschäft mit diesen Hypothekenpapieren waren die Lehman Brothers. Als das Bankhaus am 15. September 2008 unter der Last von 613 Milliarden Dollar Schulden zusammenbrach, löste das eine Panik an den Börsen aus. Erst verloren die Banken-Aktien massiv an Wert, dann erfasste die Krise den ganzen Markt. Binnen weniger Tage büßten die Kurse ein Drittel und mehr ein.

Auch Robert Blaine bekam es mit der Angst zu tun. Ein großer Teil der Lebensersparnisse des damals 79-Jährigen steckten im Aktienmarkt. „Ich hatte Angst, dass es nicht mehr reichen wird“, erklärt der pensionierte Kleinunternehmer aus Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, warum er seine Fonds in sichere Annuitäten umwandelte. Wie viele andere Rentner realisierte er die Verluste an der Börse, weil er nicht wusste, wie viel Zeit ihm noch blieb, auf eine Kurserholung zu hoffen. Robert fühlt sich bis heute von der Politik betrogen, „die mit Steuergeld die Banken gerettet und uns sitzen gelassen hat“. Im November 2008 wählte er Barack Obama, acht Jahre später Donald Trump.

Landsleute verlieren Vertrauen

Kein Einzelfall, wie Wahlforscher wissen. Im Rückblick scheint die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten ohne den drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems kaum denkbar. Die Amerikaner hatten nicht plötzlich ihr multikulturelles Gleichheitsideal vom Schmelztiegel realisiert. Sie ignorierten in ihrer Not bloß, dass die Hand, die sie aus den tosenden Fluten retten wollte, eine farbige war.

Auch der Aufstieg Donald Trumps lässt sich ohne die „Große Rezession“ nur schwerlich erklären. Während die Terrorangriffe vom 11. September 2001 die Amerikaner zusammenbrachten, spaltet das „911 der Finanzmärkte“ das Land noch bis heute. Trotz Vollbeschäftigung und Wachstum bleibt das einzig verbindende Gefühl, „in einem kaputten Land zu leben“.

Es gibt Symbole, an denen die düstere Stimmung abzulesen ist. Nie zuvor hatten die Amerikaner so eine niedrige Geburtenrate wie heute. Die Selbstmordrate liegt so hoch wie zuletzt vor 30 Jahren. Die Opiate-Krise hat im ländlichen Amerika seuchenartige Ausmaße angenommen.

Gleichzeitig haben die Amerikaner das Vertrauen in ihre Institutionen verloren: die Politik, die Kirchen, die Medien, die Polizei und Justiz. Die Rassenbeziehungen sind angespannter denn je. Gesundheits- und Bildungswesen leiden massiv unter der Uneinigkeit. Straßen, Brücken, Flughäfen und andere Infrastruktur zerfallen.

Während die Regierung die „Wall Street“ rettete und deren Akteure reicher machte, ging das mittlere Vermögen der amerikanischen Privathaushalte in den USA von 126 000 Dollar im Jahr 2007 auf 97 000 Dollar zurück. Nur ein Drittel der Immobilien hat den Wertverlust von 2008 wiedergutmachen können.

Und die von Obama wieder hergestellte Vollbeschäftigung kam letztlich zum Preis niedrigerer Löhne. Die uramerikanische Idee, mit harter, ehrlicher Arbeit den Aufstieg irgendwie zu schaffen, scheitert schon bei den hohen Kosten für den Universitätsbesuch. Wer heute mit bis zu hunderttausend Dollar an Ausbildungsschulden ins Berufsleben startet, muss Autokauf und Immobilienbesitz, aber auch Ehe und Kinderwunsch erst einmal zurückstellen.

Unschöne Realitäten

Sheila Bair, die unter Obama die staatliche Einlage-Sicherung FDIC führte, spricht von einer „verpassten Gelegenheit“. Bair klagt: „Außer Lehman hat niemand einen Preis gezahlt.“ Ob dieses System einer künftigen Krise standhalte, sei ungewiss, findet sie.

Gewiss dagegen sind ein paar andere unschöne Realitäten. Isabella kann ihre Wohnung weiter nicht verkaufen, und Robert hat seine Verluste realisiert. Was bleibt, sind die Wut und das ungute Gefühl, dass dieser Anschlag auf den amerikanischen Traum dauerhaften Schaden angerichtet hat.

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