Wirtschaft

Serie Bei der Einführung des Biosprits schlug die Empörung hohe Wellen – bis heute hat er sich kaum durchgesetzt

Was macht . . . E10?

Archivartikel

Mannheim.An den entscheidenden Tag kann sich Joachim Lutz noch genau erinnern, erzählt er. Es war am 1. Januar 2011, als der Chef von CropEnergies zur Tankstelle fuhr, zielsicher die Zapfpistole mit der Aufschrift E 10 herausnahm und in den Tank steckte. Da sei der Tankwart auf ihn zugestürmt und habe gerufen: „Wissen Sie, was Sie da machen?“

Lutz wusste es, schließlich war er damals schon im Vorstand des Mannheimer Bioethanol-Herstellers und kannte den seinerzeit neuen Kraftstoff so gut wie nur wenige. Die Reaktion des Tankwarts war jedoch keine Ausnahme. Bei der Einführung von E 10 schwappte eine gewaltige Erregungswelle über das Land: Viele Autofahrer fürchteten um ihre Wagen und boykottierten das Bio-Super, dessen Einführung zeitweise sogar gestoppt wurde. Die Bundesregierung sah sich sogar gezwungen, einen „Benzin-Gipfel“ einzuberufen. Mehr als acht Jahre später sind die Spuren der Empörung immer noch sichtbar – obwohl vieles an ihr unberechtigt war.

Verunsicherung an der Zapfsäule

„Die Deutschen tun sich traditionell etwas schwerer mit Veränderungen“, sagt Joachim Lutz im Rückblick. „Das war schon bei Bleifrei so. Zudem war die Markteinführung nicht gerade gelungen.“ Hauptsorge vieler Autofahrer damals: Verträgt der eigene Wagen die neue Mischung? Obwohl schon seinerzeit nach Angaben der Hersteller 93 Prozent der Benziner E 10 tanken konnten, war die Verunsicherung so groß, dass rund 70 Prozent der Besitzer an den klassischen Spritsorten festhielten.

Doch so groß die Aufregung war, so wenig ist geschehen. „Die Befürchtungen haben sich in keiner Weise bewahrheitet“, sagt Frank Brühning, Sprecher des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). „Bis dato sind dem ADAC keine Schadensfälle bekannt, die auf eine Betankung mit E 10 zurückzuführen sind“, teilt auch der Autofahrerverband mit Blick auf die freigegebenen Fahrzeuge mit. Entsprechendes ist vom Mineralölwirtschaftsverband zu hören. Heutzutage sei die Frage der Verträglichkeit längst keine mehr, erklärt Peter Mair, Sprecher des Verbands der Automobilindustrie: „Alle Neufahrzeuge vertragen seit vielen Jahren ausnahmslos E 10.“

Auch der leicht erhöhte Verbrauch durch den neuen Kraftstoff erregte 2011 die Gemüter. Inzwischen beziffert ihn der ADAC auf gerade einmal 1,5 Prozent. Die Umweltwerte des Biosprits sind dagegen besser: Wer E 10 statt Super tankt, verringert unterm Strich den CO2-Ausstoß seines Wagens Studien zufolge um rund sieben Prozent.

Teller contra Tank

Trotzdem kann sich der Biosprit bis heute in Deutschland nicht richtig durchsetzen. Eigentlich hätte er längst zum Standardkraftstoff werden sollen, der das traditionelle Super verdrängt. Doch sein Marktanteil dümpelt bei unter 15 Prozent – während der von Super bei mehr als 80 Prozent liegt. Zum Vergleich: In den USA liegt der E 10-Anteil bei 100 Prozent, in Frankreich bei mehr als 40.

Die mangelnde Akzeptanz liegt neben dem Image auch an einer Debatte, die bis heute geführt wird: der sogenannten Tank-Teller-Diskussion. Also die Grundsatzfrage, ob man aus Pflanzen überhaupt Treibstoff gewinnen darf. Umweltverbände wie der BUND beispielsweise lehnen E 10 ab. „Es gibt kaum etwas Blödsinnigeres, was man aus Biomasse machen kann, als Kraftstoffe für den Straßenverkehr“, sagt Sprecher Jens Hilgenberg. „Zumal noch immer rund 70 Prozent der weltweit dafür eingesetzten Biomasse extra deshalb angebaut werden. Damit stehen sie in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und führen zu Landnutzungsänderungen, was für uns nicht akzeptabel ist.“

CropEnergies-Chef Lutz sieht das anders: „Die Alternative Tank oder Teller gibt es in Europa nicht. Das ist eine plakative Scheinfrage. Wir haben hier einen so großen Agrarüberschuss, dass wir Tank und Teller bedienen können.“

Er ist vielmehr überzeugt, dass Biokraftstoffe in Deutschland künftig eine größere Rolle spielen werden: als Teil eines Maßnahmenpakets zum Klimaschutz. So gebe es bereits Pilotprojekte mit E 20, dem „großen Bruder“ von E 10, das 20 Prozent Bioethanol enthält. „E 20 muss kommen“, sagt Lutz. „Ich denke, dass es in etwa drei Jahren soweit sein wird.“ Was dann wohl sein Tankwart sagen wird?