Wirtschaft

Serie Der einstige Spitzenmanager würde seine AfD-Mitgliedschaft am liebsten ungeschehen machen – Politiker ist er geblieben

Was macht … Hans-Olaf Henkel ?

Archivartikel

Strassburg.Er war Manager, Verbandspräsident, Publizist – und schließlich Politiker. Als Hans-Olaf Henkel Anfang 2014 seinen Eintritt in die AfD bekanntgab, bekam die Partei auf einen Schlag neuen Rückenwind. Weite Teile des Bürgertums hielten die Partei – dank Henkel – plötzlich für wählbar. Anderthalb Jahre später war Schluss mit der Polit(iker)karriere: Als Erster kehrte er der AfD im Juli 2015 den Rücken, nachdem Frauke Petry mit einem Rechtsruck Parteigründer Bernd Lucke verdrängt hatte. Rund 6000 Parteimitglieder sollen damals wie der ehemalige Industrie-Manager reagiert haben und gegangen sein. „Wenn ich heute noch in der AfD wäre, würde ich mich selbst nicht mehr mit der Kneifzange anfassen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung und ergänzt: „Ich habe geholfen, ein Monster zu schaffen.“

Kritik an Euro-Politik

Der ehemalige Manager ist einer der wenigen Wirtschaftsführer, die es in die aktive Politik gezogen hat. Nach einer Karriere beim Softwarehersteller IBM und fünf Jahren an der Spitze des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) trat er in eine Partei ein mit dem Antrieb, „die unselige Euro-Politik der Bundesregierung zu korrigieren“. Für Henkel bedeutete dies eine 180-Grad-Wende, hatte er doch einst für die Einführung der Gemeinschaftswährung geworben. Der Manager setzte sich stark dafür ein, „eine ernstzunehmende Opposition gegen die Euro- und Europapolitik der Regierung“ zu werden. Sein Engagement ging sogar so weit, der jungen Partei einen Privatkredit über eine Millionen Euro zu gewähren. „Dass aus der AfD anschließend eine ausländerfeindliche Rechtsaußenpartei wurde, liegt nicht an uns“, sagt er und fährt fort, „dass die Partei von Lucke und die von Gauland nur noch den gleichen Namen tragen“.

Mittlerweile sitzt der 78-jährige gebürtige Hamburger zusammen mit Bernd Lucke und drei weiteren ehemaligen AfD-Mitgliedern für die Liberal-Konservativen Reformer im Europäischen Parlament. Die eigenen Erwartungen an seine neue Partei waren groß, blieben aber unerfüllt. Nach zwei herben Niederlagen bei den Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig Holstein trat die Splitterpartei im vergangenen September zur Bundestagswahl erst gar nicht an. Seine Hoffnungen ruhen nun auf den Europawahlen im kommenden Mai. Henkel will kandidieren. „Ich möchte mich nicht nur ärgern, wenn irgendetwas Schädliches um mich herum passiert, ich möchte dann auch selbst in die Speichen greifen, um das zu verhindern“, begründet der vierfache Vater und dreifache Großvater.

Besondere Beziehung zur Region

Aktuell investiert Henkel nach eigenen Angaben 90 Prozent seiner Zeit in Straßburg und Brüssel darauf, dass die Briten auch zukünftig in der EU verbleiben werden. Dafür hat er mit sechs hochkarätigen Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft die Petition „A New Deal for Britain“ initiiert. Zu seinen Mitstreitern zählen Hans-Werner Sinn, Ex-Chef des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts, oder auch Klaus Michael Kühne, Inhaber des Logistikunternehmens Kühne & Nagel. Gemeinsam fordern sie, dass Brüssel den Briten bei der Kontrolle der Zuwanderung aus EU-Staaten entgegenkommt – und somit einen der Hauptbeweggründe aus dem Weg räumt, warum die Briten ursprünglich für den Brexit gestimmt hatten. Die Erfolgschance sieht er bei maximal 20 Prozent: „Die Initiatoren dieser Petition sind alle für ihren Realismus bekannt, darunter finden Sie keinen Träumer.“

Zu Mannheim hat Henkel eine besondere Beziehung. So war er zwischen 2001 und 2012 als Honorarprofessor an der Uni Mannheim aktiv. An die Zeit in der Metropolregion erinnert er sich gerne: „Immer mal wieder werde ich heute auf der Straße von ehemaligen Studenten angesprochen. Es ist schön zu sehen, was aus ihnen inzwischen geworden ist.“

Der Autor Aljoscha Kertesz ist Pressesprecher des Unternehmens Caterpillar. Nebenberuflich arbeitet er als Buchautor und hat unter anderem ein Interviewband mit Politikern erstellt („Bundestag adieu!“), die 2017 aus dem Bundestag ausgeschieden sind.