Wirtschaft

Serie Der ehemalige Präsident des Mannheimer ZEW und Chef der Wirtschaftsweisen ist viel auf Kreuzfahrten unterwegs

Was macht . . . Wolfgang Franz ?

Mannheim.Wenn Wolfgang Franz an seine Zeit an der Universität Mannheim oder im Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zurückdenkt, vermisst er eines ganz besonders: die Arbeit mit jungen Menschen. „Sie schützt einen davor, vorzeitig alt zu werden“, sagt er. „Man wird selbst toleranter und großzügiger.“

Franz, 74, einer der angesehensten Ökonomen und Arbeitsmarktforscher Deutschlands, ist seit etwa fünf Jahren im Ruhestand. Er reist quer durch die Welt, unternimmt lange Kreuzfahrten, etwa durch den Panamakanal. Besucht regelmäßig das Mannheimer Nationaltheater. Liest Krimis von seiner „stillen Liebe“, der Schriftstellerin Agatha Christie, „weil sie alles offenlegt – aber man trotzdem nicht sofort weiß, wer der Mörder ist“.

Die akademische Karriere verlief wie aus dem Bilderbuch. Franz war Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und leitete einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Mehrmals überreichte er als Vorsitzender des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ – im Volksmund sind das die Wirtschaftsweisen – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Jahresgutachten.

Vor dem Amtsantritt am ZEW 1997 hatte Franz sich selbst gefragt: Schaffe ich das überhaupt? „Es ist ein Unterschied, ob man einen kleinen Lehrstuhl mit zehn Leutchen führt oder ein Institut mit mittlerweile rund 200 Mitarbeitern.“ Unbestritten festigte sich unter Franz’ Präsidentschaft der hohe wissenschaftliche Ruf des ZEW im In- und Ausland. „Es wurde regelmäßig mit größtem Lob bedacht – so ganz falsch kann ich es als Präsident also nicht gemacht haben.“

Am Institut hat Franz immer noch sein Büro. Er kommt regelmäßig vorbei, trifft sich mit früheren Kollegen, plauscht über Gott und die Welt. „Ich halte den Kontakt zur Wissenschaft, bin aber nicht mehr aktiv. Auch bei Fachdiskussionen halte ich mich zurück.“ Der Weg in die Quadrate zum ZEW ist nah: Franz lebt im südlichen Mannheimer Stadtteil Niederfeld mit „hervorragender Nachbarschaft und Straßenbahnhaltestelle“. Unweit liegt der Lindenhof, wo er als Student gewohnt hatte.

Gegner des Mindestlohns

Franz vertrat und vertritt auch unpopuläre Ansichten. So ist er bis heute ein entschiedener Gegner des gesetzlichen Mindestlohns, der brutto 8,84 Euro pro Stunde beträgt. Aus Franz’ Sicht wird er früher oder später Arbeitsplätze gefährden. „Momentan hat der Mindestlohn keine schwerwiegenden Folgen, weil es der Wirtschaft sehr gut geht. Aber wenn wir mal wieder in eine Krise kommen, sieht das anders aus.“

Auch zu einer möglichen Erhöhung von Hartz IV äußert sich der Ökonom zurückhaltend: „Je höher die Regelsätze sind, desto geringer sind die Anreize, sich einen Job zu suchen.“ Vor kurzem hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erklärt, über mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger nachzudenken.

Einem Wirtschaftsweisen müsse klar sein, dass er „nicht eben mal so die komplette Wirtschaftspolitik in Deutschland umkrempeln kann“, sagt Franz. Aber er erinnert sich an lange, teils vertrauliche Gespräche mit Politikern – und machte durchaus die Erfahrung, dass Ratschläge der fünf Weisen in die Regierungsarbeit einfließen. Franz kann sich lediglich an einen „komplett beratungsresistenten“ Minister erinnern. Den Namen behält er für sich.

Mittlerweile ist ein Alumni entstanden, ein Netzwerk früherer Wirtschaftsweisen. „Es ist immer ganz schön, wenn wir uns wiedersehen“, sagt Franz. Am meisten schätzt er die guten Gespräche bei einem Abendessen und einem Glas Wein.

Weit entfernt von Langeweile

Kürzlich hatte es Streit um die Neubesetzung des Postens von Volker Wieland bei den fünf Wirtschaftsweisen gegeben. Das Bundesfamilienministerium wollte eine Frau als Nachfolgerin durchsetzen; es fand sich allerdings keine Ökonomin, die Wielands Fachgebiet – Geldtheorie und Geldpolitik – zu diesem Zeitpunkt übernehmen konnte. „Wir haben exzellente Ökonominnen in Deutschland“, sagt Franz. „Bei der Besetzung des Rates geht es vorrangig um das Fachgebiet, nicht um das Geschlecht. Es nützt keinem etwas, wenn drei Arbeitsmarktexperten im Gremium sitzen.“

Franz ist glücklich über seinen großen Freundeskreis. „Langeweile habe ich in meinem Ruhestand noch nie ernsthaft gespürt.“ Auch die nächste Kreuzfahrt ist schon gebucht: 2019 durch Südostasien.