Wirtschaft

Prostatakrebs-Wirkstoff Auftakt in Patentverfahren mit „enormem Vorbereitungsaufwand“

Wem gehören die Lorbeeren?

Mannheim.Üblicherweise werden im Gartensaal des Mannheimer Barockschlosses Empfänge zelebriert, Konzerte veranstaltet oder Hochzeiten gefeiert. Am gestrigen Donnerstag verhandelt dort die auf Patentstreitigkeiten spezialisierte 2. Zivilkammer des Landgerichtes (LG). Im Mittelpunkt steht ein Wirkstoff, der bei Prostatakrebs sowohl zum Aufspüren von bösartigen Zellen wie zu deren therapeutischer Bekämpfung eingesetzt werden kann.

Die mit viel Hoffnungen – sowohl medizinischer wie wirtschaftlicher Art – verknüpften Substanzen hat das Universitätsklinikum Heidelberg gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) als Patent angemeldet. Dagegen klagt Molecular Insight Pharmaceuticals Inc., kurz „MIP“. Das US-Pharmaunternehmen ist der Meinung, dass die Erfindung ihm gebührt – weil es im Wege einer Forschungskooperation entscheidende Impulse gegeben habe.

In seiner 25-jährigen Berufslaufbahn, erklärt der Vorsitzende Richter Holger Kircher, habe er noch nie ein Verfahren mit solch „einem enormen Vorbereitungsaufwand“ erlebt. Der Grund dafür: „Wir wollten Corona ein Schnippchen schlagen.“ Denn angesichts einer Armada angereister Anwälte, die es in angemessenem Schutzabstand zu platzieren gilt, hätte selbst der große Sitzungssaal im schräg gegenüber liegenden Landgericht nicht ausgereicht. Als Clou ist eine Videoanlage installiert worden, die Prozessbeteiligten samt Dolmetschern jenseits des Ozeans ermöglicht, die mündliche Verhandlung in den USA an verschiedenen Orten live zu verfolgen.

Gemeinsame Presseerklärung

„Preisgekrönter Wirkstoff zur Diagnose und Behandlung von Prostatakrebs“ titelten vor ziemlich genau fünf Jahren das Krebsforschungszentrum und das Universitätsklinikum Heidelberg in einer gemeinsamen Presseerklärung. Vorgestellt wurde damals das Prostata-spezifische Membran-Antigen, auch „PSMA-617“ genannt. Schon bald tüftelten Forscher eine Variante des Moleküls aus, das mit dem stark strahlenden Lutetium-Isotop beladen werden und auf diese Weise Krebszellen von innen attackieren kann.

Als der Kammervorsitzende Wissenschaftler vom DKFZ wie des Uni-Klinikums befragt, geht es immer wieder um die Frage: In welchen Schritten und wie hat sich die Entwicklung des Wirkstoffes in Heidelberg vollzogen, und spielte dabei möglicherweise eine Forschungskooperation mit der US-Pharmafirma „MIP“ eine entscheidende Rolle?

Mehr als eine Stunde lang sagt jene inzwischen promovierte Chemikerin aus, die beim DKFZ für ihre Doktorarbeit rund um das Prostata-spezifische Membran Antigen im Labor geforscht und letztlich die für therapeutische Zwecke effektiven PSMA-Verbindungen gefunden hat. Die Zeugin betont: „Ich habe damals völlig selbstständig gearbeitet.“ Und jene Substanz, die „MIP“ im Rahmen einer Forschungskooperation dem Nuklearmediziner für Untersuchungsaufträge schickte, habe sie nie bekommen noch damit gearbeitet. Bei der Verhandlung blitzt auch auf, wer im Forschungsbetrieb zu Lorbeer kommt und wer neben herunter fällt. Als der in Heidelberg entwickelte Wirkstoff 2018 den Erwin-Schrödinger-Preis erhält, werden vier Heidelberger Wissenschaftler geehrt – hingegen bleibt jene einstige Doktorandin, die daran entscheidenden Anteil hatte, unerwähnt. „Ein Fehler, der mir sehr weh getan hat“, erklärt die 32-Jährige auf Nachfrage.

Therapie wie Diagnostik

Derzeit befindet sich der Wirkstoff in klinischen Studien der Phase III. Die Substanzklasse gilt als „Theranostikum“, weil sie für Therapie wie Diagnostik eingesetzt werden kann. Wer letztlich von einem Patent profitieren wird, entscheidet der Prozessausgang. Die Beweislast liegt bei der klagenden US-Pharmafirma, die nachvollziehbar darlegen muss, dass sie bei dieser speziellen Forschung die Nase vorn hatte.

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