Wirtschaft

Verspätungen Verbraucherexperten erklären die Hinhalte-Taktiken der Anbieter und wie Betroffene ihr Recht durchsetzen können

„Wir ermutigen die Fluggäste, sich zur Wehr zu setzen“

Archivartikel

Mannheim/Berlin.Flugausfälle, Verspätungen, Streiks – wer in diesem Sommer in den Urlaub abheben will, muss mit jeder Menge Ärger und Unwägbarkeiten rechnen. Im ersten Halbjahr haben sich die Verspätungen im europäischen Flugverkehr verdoppelt. Und die Probleme haben sich jetzt in der Hochsaison noch verschärft.

Für Frust und Zeitverlust steht den Reisenden in vielen Fällen ein finanzieller Ausgleich zu. Nach EU-Recht wird bei mehr als drei Stunden Verspätung je nach Streckenlänge eine Entschädigung von 250 bis maximal 600 Euro fällig. Die können Passagiere bei der Fluglinie einfordern. „Aber dafür brauchen sie meist viel Geduld“, sagt die Juristin Eugenie Zobel-Kowalski beim Verbrauchermagazin „Finanztest“.

Fadenscheinige Gründe

Es gehöre zur Strategie vieler Fluglinien, die Passagiere erst einmal abzuschrecken. Einige reagieren gar nicht auf Mails, andere nennen fadenscheinige Gründe für die Verspätung oder erkennen die Ansprüche zwar an, lassen aber mit der Zahlung auf sich warten.

Beispiel British Airways (BA): Die vierköpfige Familie kommt beim Rückflug aus Vancouver mit mehr als drei Stunden Verspätung in Frankfurt an. Die Maschine in Kanada war so spät gestartet, dass der Anschlussflug in London nicht mehr erreichbar war. BA buchte ab London kurzerhand auf eine spätere Maschine um. Nach EU-Recht winkt eine Entschädigung von bis zu 600 Euro pro Person. Doch BA schmettert die Entschädigungsanforderung der Familie mit dem Hinweis ab, der Flug aus Vancouver sei wegen schlechten Wetters so spät gestartet. Das wäre ein Fall von höherer Gewalt und nicht eigenes Verschulden des Unternehmens – BA müsste nichts zahlen.

Die Familie wundert sich, hat sie doch zum geplanten Abflugzeitpunkt in Vancouver Sonnenschein bei 25 Grad und einem lauen Lüftchen erlebt. Die Fluglinie wird um Belege für das vermeintlich schlechte Wetter gebeten. Die verweigert BA mit dem Hinweis, interne Unterlagen werde sie erst im Falle einer gerichtlichen Klärung vor Gericht vorlegen. Ein „schräger Versuch“, berechtigte Ansprüche ins Leere laufen zu lassen, kommentiert Flugrechtsexpertin Zobel-Kowalski die Reklamations-Blockade von BA. Das Argument, höhere Gewalt sei im Spiel gewesen, kennt sie als „Standardantwort“. Eine Anfrage um Stellungnahme dieser Zeitung zu dem Fall ließ BA unbeantwortet.

Betroffenen rät die Verbraucherexpertin, nicht gleich aufzugeben. „Wir ermutigen die Fluggäste, sich zur Wehr zu setzen.“ Schließlich gebe es bequeme Wege, die Ansprüche über Dritte einzufordern. Kommt der Kunde mit seiner Entschädigungsforderung beim Unternehmen nicht weiter, sollte er sich zuerst an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) wenden. Das ist eine von der Bundesregierung eingesetzte Schlichtungsstelle, das Verfahren ist für den Verbraucher kostenlos.

Auch Oliver Buttler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg empfiehlt, zuerst den aussichtsreichen Weg über die Schlichtungsstelle zu gehen. So könne oft ein „langwieriges, kostspieliges Gerichtsverfahren“ vermieden werden.

Fluggastportale mit Provision

Wer mit noch weniger Aufwand an sein Geld kommen will, kann sich von speziellen Internetportalen vertreten lassen. Diese Fluggasthelfer bieten an, die Rechte der Kunden gegenüber den Airlines durchzusetzen. Dafür verlangen die Unternehmen im Erfolgsfall eine Provision von rund 25 bis 35 Prozent. Als seriös schätzt Zobel-Kowalski etwa die Portale FairPlane, Flightright, Refund.me, AirHelp und Euclaim ein. Buttler kritisiert aber: „Die Portale übernehmen nur wasserdichte Fälle mit geringem Risiko, verlangen dafür aber eine hohe Provision.“

„Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen“, begründet ein Sprecher von AirHelp die Provisionen. Er verweist auf wichtige Präzedenz-Urteile, die zum Beispiel AirHelp für die Verbraucher in Europa erstritten habe, etwa dass auch für Kleinkinder ein Ausgleich gezahlt werden muss.

Zudem fordere AirHelp die Rechte der Betroffenen per Anwalt ein – das beste Druckmittel gegen Hinhalte-Taktiken. Eine Analyse zu 28 000 Fällen beim Billigflieger easyJet zeige: „Ohne juristische Hilfe zahlte easyJet nur in weniger als zwei Prozent der Fälle eine rechtmäßige Entschädigung aus.“ Mit Hilfe eines Anwalts sei die Antragstellung achtmal erfolgreicher – und schneller.