Wirtschaft

Ausbildung I Viele Stellen bei Unternehmen bleiben noch unbesetzt / Heidelberger Laborgerätehändler bildet erstmals Digitalkauffrau aus

„Wir reagieren auf den Markt“

Archivartikel

Rhein-Neckar.Konzentriert bereitet Denisha Womack mit einem Bildbearbeitungsprogramm Werbematerialien vor für ihren neuen Arbeitgeber neoLab Migge. Sebastian Behrendt, ihr Ausbildungsleiter bei dem Heidelberger Laborgerätehändler, schaut ihr über die Schulter. Die 19-Jährige aus Ketsch wird seit August bei dem Fachhändler zur Kauffrau E-Commerce ausgebildet – also zu einer Kauffrau für den digitalen Handel. „Wir reagieren auf den wachsenden Online-Markt“, erklärt Behrendt und sieht in der neuen Stelle einen großen Schritt in Richtung Digitalisierung. „So entwickeln wir Wissen, das wir nicht hatten.“

Mit dem Start des neuen Ausbildungsjahres – ab Montag, 3. September – wollen in der Rhein-Neckar-Region sieben Unternehmen durch den neuen Ausbildungsberuf versuchen, ihre Kundschaft auf dem digitalen Markt zu halten. Besonders für Einzel-, Groß- und Außenhändler sei der Beruf relevant, merkt Dagmar Straub, IHK-Bereichsleiterin für Bildungsberatung und Projekte, an. Sie rechne damit, dass weitere Firmen Plätze anbieten werden.

Abläufe kennenlernen

„Ich hab bei der Beratung der Arbeitsagentur erklärt, dass ich technisch und kreativ arbeiten möchte“, erklärt Womack ihren ersten Kontakt mit dem neuen Job. Zurzeit lernt sie rechtliche Grundlagen und betreut unter anderem den Firmenauftritt in den Sozialen Netzwerken. „Außerdem muss ich die Prozessabläufe des Unternehmens kennenlernen“, weiß Womack.

„Beim Digitalkaufmann laufen alle Themen aus der Firma in Sachen Kunden zusammen“, kennt auch Behrendt das Anforderungsprofil und fügt mit etwas Stolz an: „Einen größeren Schritt in Richtung Digitalisierung als einen eigenen Kaufmann auszubilden, gibt es nicht.“ Digitale Schwerpunkte rücken in den Fokus. „Berufe in der Metall- und Elektrotechnik werden modernisiert“, weiß Straub. Auch bei den IT-Jobs werde bei der Ausbildung viel in den Bereichen Datenschutz und Sicherheit aktualisiert. „Das Aufgreifen der digitalen Realität führt dazu, dass eine Ausbildung auch für Abiturenten interessanter wird“, hofft Straub. Genaue Zahlen gebe es noch nicht – erst ab 2019 sei eine Übersicht möglich. Dennoch bestätigte die IHK, dass die Nachfrage der Bewerber an IT-Berufen groß sei. In diesem Sektor sei das Angebot der Unternehmen geringer. Umgekehrt sieht es in anderen Bereichen aus, wie Straub erklärt: „Nachfrage besteht auf der Unternehmensseite immer in der Gastronomie und auch im Einzelhandel.“

Nach Angabe der Bundesagentur für Arbeit gab es zum Stichtag, 30. August 2018, insgesamt 520 726 Bewerber auf 548 080 Ausbildungsstellen. Das sind 11 446 Bewerber weniger, bei einer Zunahme der ausgeschriebenen Stellen von 22 571. Derzeit sind aber noch 148 526 Azubi-Plätze unbesetzt – knapp zehn Prozent mehr als 2017. Auch aus der aktuellen Ausbildungsumfrage der IHK geht hervor, dass bereits im Jahr 2017 mehr als ein Drittel der Betriebe nicht alle Plätze besetzen konnten.

Auswirkungen für Verbraucher

„Mittlerweile studieren 56 Prozent der Schulabgänger“, nennt Michael Böffel, Geschäftsführer Ausbildung bei der IHK Pfalz in Ludwigshafen, einen der Gründe für fehlende Azubis und bezieht sich auf eine Studie des Statistischen Bundesamts. „Wir haben im zehnten Jahr in Folge mehr Plätze als Bewerber – das wird immer heftiger“, fürchtet Böffel.

Die Auswirkungen fehlender Nachwuchskräfte sind auch beim Handwerk zu spüren. „Wenn der Trend anhält, wird es in ein paar Jahren schwierig für die Verbraucher, gute Handwerker zu bekommen“, weiß Claudia Orth, Geschäftsbereichsleiterin Berufsbildung bei der Handwerkskammer Mannheim (HWK). Aktuell seien sogar Stellen im Elektro- und Kfz-Handwerk noch zu haben. „Der Mechatroniker gehörte lange zu den beliebtesten Berufen“, wundert sich Orth. Weiter würden auch im Bau-Bereich und bei den Friseuren Azubis fehlen.

Insgesamt geht Orth davon aus, dass bis Ende des Jahres 2018 eine leichte Zunahme an Ausbildungsverträgen verbucht wird. Denn das „gute Plus von derzeit 14,4 Prozent“ zeige, dass die Betriebe Verträge früher abschließen würden, um die Azubis zu halten. Viele Bewerber würden jedoch mehrere Verträge unterschreiben, um sich dann für einen Betrieb zu entscheiden.