Wirtschaft

„Wir werden diesen Winter gemeinsam durchstehen“

Miguel Müllenbach hat die Führung von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) in schwierigen Zeiten übernommen. Das Unternehmen hat gerade erst ein Insolvenzverfahren hinter sich gelassen. Jetzt steht das Weihnachtsgeschäft vor der Tür.

Herr Müllenbach, Sie haben Anfang Oktober die Insolvenz hinter sich gelassen und den Neustart ausgerufen. Wie hart trifft Sie nun die zweite Corona-Welle mit neuerlichem Teil-Lockdown?

Miguel Müllenbach: Vor sechs Wochen hat noch kaum jemand damit gerechnet, dass die zweite Infektionswelle so schnell so heftig wird. Bei dieser Entwicklung habe ich Verständnis für Maßnahmen der Politik. Allerdings sehen wir auch bereits jetzt starke wirtschaftliche Auswirkungen: Seit Anfang November sinkt die Kundenfrequenz in den Innenstädten signifikant. Das trifft den gesamten stationären Einzelhandel. Wir spüren es in den großen Zentren und unseren Weltstadthäusern in Städten wie Hamburg, Berlin oder München. Kleinere Häuser in den Stadtteilen sind weniger betroffen. Insgesamt jedoch entwickelt sich unser Geschäft im Moment besser als der Gesamtmarkt.

Sie schließen 41 Häuser und wollen mit 130 Filialen weitermachen. Gilt das angesichts der Pandemiefolgen noch? Oder müssen Sie womöglich weitere Häuser aufgeben?

Müllenbach: Nein, alle unsere Standorte sind nach der Sanierung wirtschaftlich zu betreiben und haben gute Perspektiven. Es gibt keine Filiale, die wir sozusagen „mit durchschleppen“.

Ist das Unternehmen gewappnet für eine lange, harte Pandemie?

Müllenbach: Ich gehe nicht davon aus, dass der Handel noch einmal schließen muss. Das wäre auch völlig unverhältnismäßig. Niemand kann Hygiene besser als wir. Die Warenhäuser sind keine Infektionstreiber. Unsere große Fläche, die in der Vergangenheit als Nachteil gesehen wurde, kommt uns aktuell zugute – wir können die Abstandsregeln und die vorgegebenen zehn Quadratmeter pro Kunde problemlos einhalten.

Zusammen mit dem Gastronomie- und Lebensmittelgeschäft gehören jetzt rund 28 000 Beschäftigte zu Galeria Karstadt Kaufhof. Müssen die Mitarbeiter des Konzerns mit weiteren Einschnitten rechnen?

Müllenbach: Mir ist bewusst, dass wir eine verdammt harte Zeit hinter uns haben. Natürlich müssen auch wir im Zweifelsfalle wie andere Händler auch zeitlich begrenzte Sparmaßnahmen in Betracht ziehen, um Pandemiefolgen abzufedern. Dazu gehört auch standortspezifische Kurzarbeit, die der Gesetzgeber ja ausdrücklich für solche Fälle vorsieht. Wir stocken dabei das Kurzarbeitergeld unternehmensseitig auf. Aber wir wollen und werden diesen Winter alle gemeinsam durchstehen. Wir brauchen die Erfahrung und den Einsatz jedes einzelnen Mitarbeiters.

Gefährdet Corona das Weihnachtsgeschäft?

Müllenbach: Wir werden wie der gesamte stationäre Handel sicher weniger Umsatz machen als im Vorjahr, weil die Innenstädte einfach sehr viel leerer sind und sich das Kaufverhalten der Kunden geändert hat. Wir entgegnen dem nicht nur mit Sparmaßnahmen, sondern vor allem mit einem Bündel von Aktionen. Unser Ziel ist es dabei, unseren Kunden eine weihnachtliche Stimmung in unseren Häusern zu bescheren, die es in diesem Jahr sonst nicht geben würde. Wir wollen das Weihnachtsfest auch ein Stück weit retten.

Amazon und DHL erwarten Rekordumsätze. Kommt das Adventsgeschäft zu früh für Ihren Online-Auftritt?

Müllenbach: Wir haben unsere Online-Umsätze in der Pandemie schon signifikant gesteigert – aber zugegeben: von einem zu niedrigen Niveau aus. Wir gehen aktuell in Richtung zehn Prozent des Gesamtumsatzes und liegen damit noch unter dem Marktdurchschnitt. Da müssen wir noch viel mehr tun. Das ist deshalb für mich Chefsache.

Nachdem die Gläubiger ihrem Insolvenzplan zugestimmt und auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichtet haben, gaben Sie sich sehr kämpferisch und erklärten, Karstadt stehe nun besser da als die Konkurrenz. War das voreilig?

Müllenbach: Überhaupt nicht. Wir sind jetzt schuldenfrei, haben eine solide Eigenkapitalbasis und damit gute Voraussetzungen für einen Neustart. Die Pandemie bremst uns natürlich wie alle anderen auch, aber deshalb rücken wir nicht von unserem Weg ab. Er wird aber länger dauern.

Sie wollten angreifen und „die Tabelle auf den Kopf stellen“, schrieben Sie an die Mitarbeiter. Dürfen wir das so verstehen, dass Sie Pleiten von Konkurrenten in dieser Krise erwarten und so Marktanteile gewinnen wollen?

Müllenbach: Im Weihnachtsgeschäft werden wir vermutlich noch keine Geschäftsaufgaben sehen, wenn es nicht erneut zu den fatalen Zwangsschließungen kommt. Aber ich bin davon überzeugt und befürchte wirklich, dass es im Frühjahr eine harte Marktbereinigung geben wird. Dem muss auch die Politik entgegensteuern, denn wir als Gesellschaft brauchen vitale Innenstädte mit einem vielfältigen Einzelhandel.

Was müssen die Städte denn jetzt tun?

Müllenbach: Wir müssen unsere Innenstädte attraktiver machen. Dazu gehören viele Faktoren: Der öffentliche Nahverkehr muss besser werden, aber wir dürfen auch die Autos nicht aussperren. Der Erlebnischarakter spielt eine wichtige Rolle, und dazu gehört auch Außengastronomie mit entsprechenden Genehmigungen. Und schließlich spielen nach wie vor Sauberkeit und das Sicherheitsgefühl eine wichtige Rolle.

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