Wirtschaft

Bilanzskandal Europäische Finanzaufsicht soll mögliches Versagen der deutschen Behörde untersuchen

Wirecard-Absturz alarmiert die EU

Berlin.Nach dem auf mutmaßlich kriminelle Machenschaften zurückzuführenden Milliardencrash des Dax-Konzerns Wirecard gerät die Bundesregierung unter Druck aus Brüssel. Die EU-Kommission schaltet die europäische Finanzaufsicht ESMA ein. Die Aufseher sollen den Zusammenbruch des Münchner Zahlungsdienstleisters und mögliche Versäumnisse der Aufsichtsbehörden unter die Lupe nehmen. Bis 15. Juli soll ein vorläufiger Untersuchungsbericht vorliegen. Das geht aus einem Schreiben der Kommission an die ESMA hervor.

„Besorgniserregender Fall“

Die Bundesregierung ist alarmiert – und will ihrerseits prüfen, ob es an der Aufsicht haperte: „Das ist ein besorgniserregender Fall“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. „Und natürlich muss es darum gehen, Schaden vom Finanzplatz Deutschland insgesamt abzuwenden.“. Deswegen müssten Schwächen bei den Kontrollmechanismen, „wo sie sich herausstellen, auch behoben werden.“ Die Aufsichtsbehörde des Bundes für Wirecard ist die Bafin.

Am Vorabend hatte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) bereits angekündigt, die Aufsichtsstrukturen auf den Prüfstand stellen zu wollen. O-Ton Scholz: „Der Fall Wirecard AG ist ein Skandal, der in der Finanzwelt schon seinesgleichen sucht.“ Das Finanzministerium soll in den kommenden Tagen ein Konzept ausarbeiten.

Ebenso in der Kritik wie die Bafin sind die Bilanzprüfer, die die Jahresabschlüsse des Konzerns testierten und in den vergangenen Jahren keinen Hinweis auf Manipulationen entdeckten. Das Wirtschaftsministerium sieht auch die Prüfungsgesellschaften in der Verantwortung. „Die müssen natürlich Fehler in Bilanzen frühzeitig erkennen und wenn das schief gelaufen ist, dann auch tatkräftig dazu beitragen, das aufzuarbeiten“, sagte eine Sprecherin.

Wirecard hatte am Donnerstag Insolvenz angemeldet. Auslöser war das Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro – nun droht die Zahlungsunfähigkeit. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die den Jahresabschluss 2019 prüfte, geht von umfassendem Betrug in internationalem Maßstab aus. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun und weitere ehemalige und aktive Spitzenmanager.

An der Börse setzte sich der Ausverkauf fort. Eine Wirecard-Aktie war vor Ausbruch der Corona-Krise Mitte Februar noch knapp 144 Euro wert, am Freitag waren es unter 1,30 Euro. Die Verluste für die Anleger in diesen gut vier Monaten summieren sich auf etwa 18 Milliarden Euro. Unter den Leidtragenden, die nun auf quasi wertlosen Papieren sitzen, sind viele der weltweit knapp 6000 Mitarbeiter und Kleinaktionäre. dpa

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