Wirtschaft

ABB Stromnetzsparte soll angeblich an Hitachi gehen / Deutschlandsitz in Mannheim wäre massiv betroffen / Betriebsrat in Sorge

„Wollen endlich klare Ansage“

Archivartikel

Mannheim.Ein möglicher Verkauf der Stromnetzsparte würde die ABB in Mannheim massiv treffen. Das sagte die Konzernbetriebsratschefin Daniela Schiermeier gestern. Beinahe jeder zweite der rund 2000 Arbeitsplätze in Mannheim sei dieser Sparte zuzurechnen. „In der Belegschaft herrscht wegen der Gerüchte große Verunsicherung“, so Schiermeier.

Zuvor hatte die „Financial Times“ berichtet, dass der japanische Hitachi-Konzern die Stromnetzsparte von ABB kaufen wolle. Die Verhandlungen seien in einem „ziemlich fortgeschrittenen Stadium“. Auch die Nachrichtenagentur Reuters schreibt über entsprechende Verhandlungen und nennt als Interessenten neben Hitachi auch Mitsu-bishi und die chinesische State Grid of China. Schon am Ende dieser Woche könnte es eine Entscheidung geben. Die US-Investmentbank J.P. Morgan schätzt den Verkaufswert auf etwa zehn Milliarden Euro. Der Schweizer ABB-Konzern hat seinen Deutschland-Sitz in Mannheim.

In der Stromnetzsparte (Power Grids) sind Produkte wie Transformatoren angesiedelt, mit deren Hilfe Strom von Kraftwerken verteilt werden kann. 2017 kam der Bereich weltweit mit rund 36 000 Mitarbeitern auf einen Umsatz von gut neun Milliarden Euro. In puncto Profitabilität hängt die Stromnetzsparte den anderen Bereichen aber hinterher.

Vorfreude an der Börse

Große ABB-Aktionäre wie Cevian Capital fordern seit Jahren eine Abspaltung. 2015 unterzog das Management daher die Stromnetzsparte einer strategischen Überprüfung, entschied sich aber gegen einen Verkauf. Im Juli dieses Jahres deutete Konzernchef Ulrich Spießdorfer dann erstmals ein Umdenken an: „Unser Portfolio ist nicht in Stein gemeißelt.“ Zu den aktuellen Medienberichten lehnt ABB allerdings eine Stellungnahme ab.

„Die Mitarbeiter wollen endlich eine klare Aussage von der Konzernleitung“, formulierte Schiermeier ihre Forderung an das internationale Management. Dabei kritisiert sie den vermeintlichen Zickzack-Kurs der Führungsetage. „Nachdem sich der Vorstand vor zwei Jahren klar für ein Festhalten an der Stromnetzsparte ausgesprochen hat, wird der Bereich jetzt schon wieder wie ein Stiefkind behandelt.“ Von einem Verkauf hält sie nach wie vor nichts: „Die Stromnetzsparte ist ein Gründungsteil der ABB und somit ein Herzstück. Unsere Geschäftsbereiche greifen ineinander, ein so großer Bereich kann nicht einfach herausgelöst werden. Anstatt kurzfristigen Margenzielen nachzulaufen, wäre es notwendig, das mittel- und langfristige Potenzial zu heben. In dem Geschäft bieten sich in der Zukunft viele Möglichkeiten gerade wegen der Energiewende, E-Mobilität und dem Bedürfnis nach intelligenter Stromverteilung.“ Daher ist für Schiermeier „Strom sozusagen das digitale Grundnahrungsmittel der Zukunft – auch wegen der fortschreitenden Automatisierung und der Digitalisierung“.

Unterstützung erhält sie von Mirko Geiger, Chef der IG Metall Heidelberg: „Wir fänden es gut, wenn die Stromnetzsparte bei ABB verbleibt“, sagte er. Schließlich gebe es Synergien mit anderen ABB-Bereichen. Generell warnt Geiger den Vorstand davor, „sich von Finanzinvestoren treiben zu lassen“. An der Börse sieht man die Sache anders, der Kurs der ABB-Aktie stieg zuletzt deutlich. Sollte es so kommen, wäre das strategisch positiv für ABB, schrieb Analystin Daniela Costa von Goldman Sachs. „Es würde belegen, dass ABB bei der Vereinfachung seiner Struktur vorankommt.“