Wirtschaft

Elektromobilität I Stuttgarter Messe präsentiert Neuentwicklungen / Branche spürt Aufwind, hat aber noch langen Weg vor sich

Zwischen Wunsch und Realität

Stuttgart.Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein. Über drei Tage präsentieren Hersteller bei einer Messe in Stuttgart bis heute ihre Neuentwicklungen zur E-Mobilität. Solarautos werden vorgestellt, der Zulieferkonzern Bosch präsentiert seine E-Achse, der Nobelhersteller Daimler zeigt seine ganze Motorenpalette vom neuen Diesel über Hybrid bis zur Brennstoffzelle. Parallel diskutieren 5000 Experten aus 50 Ländern die Probleme beim Umstieg vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb. "2017 wird vielleicht später einmal als das Jahr angesehen, in dem der Knoten geplatzt ist und die E-Mobile den Durchbruch geschafft haben", sagt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in seiner Rede zur Eröffnung.

Viele Förderprogramme

Für den Grünen Kretschmann, der zuletzt mehr mit Fahrverboten für alte Diesel in Stuttgart zu tun hatte, ist die "EVS30 - Electric Vehicle Symposion" ein Prestigeerfolg. "Das ist der wichtigste Treffpunkt der E-Mobilität", freut er sich. Es ist bereits die 30. Auflage des Branchentreffs, der vor Stuttgart in Barcelona und Seoul stattfand. Mit den einheimischen Herstellern geht Kretschmann kritisch ins Gericht: "In Baden-Württemberg müssen wir einen Gang höher schalten." Aber er streichelt auch die Seele der Autokonzerne: "Wenn das alles in Gang kommt, was hier am Start steht, dann hat die E-Mobilität eine große Zukunft."

Die Politiker überbieten sich mit Förderprogrammen für die Zukunftsbranche. EU-Energiekommissar Maric Sefcovic dreht ein besonders großes Rad. Auf jeden Fall müsse in Europa eine Batteriefertigung aufgebaut werden, fordert er. Sefcovic vergleicht die Lage mit den 60er Jahren, als Europa mit Airbus ein länderübergreifendes Konsortium schmiedete und die globale Luftfahrtindustrie aufmischte. "Wir brauchen einen Airbus für den Bau von Batterien und Speichern", so der Vizepräsident der EU-Kommission.

Auch Franz Loogen, der Geschäftsführer der Landesagentur Elektromobilität, plädiert für eine europäische Batterie-Initiative: "Es ist notwendig, eine eigene Produktion zu haben." Aber das sei Sache der Hersteller. "Die Batterie ist beim Elektroauto die größte Herausforderung", bestätigt Ola Källenius, der Forschungsvorstand der Daimler AG. Später hält ihm Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) vor, dass sein Haus noch keinen Stadtbus mit E-Antrieb im Angebot hat. "Viele Städte wollen umsteigen, aber es gibt zu wenige Möglichkeiten", klagt Hermann. Und gibt den Unterhändlern der Jamaika-Koalition in Berlin mit auf den Weg: "Die Elektrifizierung des Verkehrs muss ein Schwerpunkt der Politik werden."

Geringe Produktionszahlen

Bei so viel politischem Wohlwollen fühlt sich die Branche im Aufwind. Beim Elektroauto tauchen neue Mitspieler auf. Qualcomm, der kalifornische Hersteller von Chips für Handys, präsentiert eine neue Technik zum Laden der Batterien über Induktionsschleifen. Die Mitarbeiter sehen sich schon auf dem Weg zum Weltmarktführer. Kleinere Brötchen backt die österreichische Firma eCharge, die Stromtankstellen in Hotels betreiben will.

Schlecht zur Euphorie passen die Produktionszahlen. Statt der erwarteten 10 000 Elektroautos pro Monat aus deutscher Produktion würden nur 4000 die Bänder verlassen, räumt Henning Kagermann von der Nationalen Plattform Elektromobilität ein. Seine Schlussfolgerung: "Wir brauchen einen langen Atem."

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