Wirtschaftsmorgen

An jedem Tag Weihnachten

Archivartikel

Glaskugeln mit Schnee gefüllt, geschnitzte Engel, rauchende Nikoläuse, Nussknacker und glitzernder Baumschmuck: Bei Barbara-Inge Fritzen (Bild) ist das ganze Jahr über Weihnachten. Zumindest im hinteren Teil des 400 Quadratmeter großen Geschäfts in der Heidelberger Hauptstraße kann die Geschäftsstellenleiterin von Januar bis Dezember eine große Vielfalt für die Advents- und Festzeit anbieten. Seit 20 Jahren gibt es das Käthe-Wohlfahrt-Fachgeschäft jetzt im historischen Eckhaus am Universitätsplatz – mitten in der Altstadt.

Zwischen 30 000 und 40 000 Artikel sind liebevoll in den Geschäftsräumen dekoriert. „Wenn wir im Januar Inventur machen, müssen wir eine Woche schließen“, beschreibt die Geschäftsstellenleiterin den Aufwand.

Dass sich nach dem großen Verkaufsraum hinter dem Eingang ein Zimmer nach dem anderen öffnet, ist von außen kaum zu vermuten. „Wir erleben oft, dass Männer draußen bleiben und ihre Frauen ,nur mal kurz reinschauen’“, erzählt Fritzen lächelnd. Nicht selten kämen die Begleiter nach einer Weile mit sorgenvollem Blick herein und suchten nach ihren Frauen, die immer noch das Sortiment sichteten.

„Gute Handwerkskunst wird wieder mehr geschätzt – auch von jungen Leuten“, sagt Fritzen. Die Geschäftsgründer Käthe und Wilhelm Wohlfahrt waren aus dem Erzgebirge geflüchtet und hatten in Herrenberg eine neue Existenz aufgebaut. Nach dem Tod der Eltern 2001 und 2018 übernahm Sohn Harald Wohlfahrt das Unternehmen, zu dem inzwischen 30 Filialen auch in den USA, im britischen York und im elsässischen Riquewihr gehören.

Eine Spieluhr, die sie amerikanischen Freunden nach der Weihnachtszeit schenken wollten, steht am Anfang des mehr als 50 Jahre alten Unternehmens: Nur mit Mühe fand das Paar schließlich im Erzgebirge einen Hersteller – der wollte aber kein Einzelstück, sondern nur zehn Stück auf einmal abgeben. Auf Märkten rund um die amerikanischen „PX“-Ketten verkauften die Wohlfahrts das Produkt – und machten das deutsche Weihnachten zum Exportschlager.

Auch heute noch ist es vor allem die Kundschaft aus Nord- und Südamerika, die bei Käthe Wohlfahrt einkauft. Besucher aus Asien schauten sich gerne alles an und fotografieren – aber überall dort auf der Welt, wo die Menschen deutsche Wurzeln haben, gehörten die in Handwerkskunst hergestellten Produkte „Made in Germany“ zur eigenen Identität, weiß Fritzen.

Hauptwettbewerber von Käthe Wohlfahrt sind Baumärkte und Möbelhäuser mit preiswerter Weihnachtsdeko aus Asien. Über Geschäftszahlen schweigt das Unternehmen. Klar ist allerdings: Rund 240 Millionen Euro gaben die Deutschen 2016 nach Angaben des Instituts für Handelsforschung für Weihnachtsdeko aus. Tendenz steigend.

Um traditionelles Handwerk zu zeigen, hat die Heidelberger Geschäftsführerin Fritzen Gäste aus dem Schwarzwald eingeladen und ihnen für zwei Tage einen Geschäftsraum überlassen. Holzbildhauer Ralf Lehmann fertigt vor den Augen der Kunden Schnitzarbeiten für Kuckucksuhren.

Vor ihm liegt eine Auswahl Schnitzmesser, mit denen er die Figuren aus dem Lindenholz freilegt. Allein vom kleineren Kuckucksuhren-Modell verkauft sein Arbeitgeber, Anton Schneider Söhne, pro Jahr 6000 Stück – vor allem als Geschenk und die meisten ins Ausland. Nachwuchs zu bekommen für dieses Handwerk sei schwer, zumal die Schule rund 200 Kilometer entfernt am Bodensee liege, erzählt Geschäftsführer Jürgen Clute. Immer noch wird traditionell auch in Heimarbeit gewerkelt.

Ein Hingucker im Heidelberger Laden ist der geschmückte, sich über zweieinhalb Etagen nach oben reckende weiße Tannenbaum. Fast zierlich wirken dagegen eine vier Meter hohe Weihnachtspyramide (15 000 Euro) und ein Maxi-Räuchermann (3500 Euro), den sich besonders große Weihnachtsfans nach Hause holen können.

Das „Weihnachtsdorf“ von Käthe Wohlfahrt im bayerischen Rothenburg ob der Tauber ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Auf rund 1000 Quadratmetern werden ganzjährig Christbaumkugeln, Weihnachtspyramiden, Nussknacker und Krippen verkauft. Auch das Deutsche Weihnachtsmuseum ist Teil der Winterwelt. Dort erzählt eine Ausstellung über Weihnachtswelten vergangener Zeiten.

Zum Thema