Wirtschaftsmorgen

Bittere Geschäftsidee

Archivartikel

Fünf Geschmacksrichtungen kann die menschliche Zunge unterscheiden. Eine davon, bitter nämlich, ist fast in Vergessenheit geraten. Das wollen Andre Sierek und Jan Stratmann ändern. Die Gründer des Mannheimer Unternehmens BitterPower sind der Ansicht: Bitterstoffe müssen wieder einen festen Platz in der Ernährung finden.

Beide geben zu: „Wir essen gerne mal zuviel.“ Über ihre Schwiegermutter in spe – die Freundinnen der beiden sind Schwestern – kamen sie mit Bitterstoffen in Verbindung. Von der positiven Wirkung nach einer üppigen Mahlzeit waren sie sofort begeistert: „Das war besser als ein Schnaps oder ein Espresso.“ Weniger gut fanden sie die verfügbaren Produkte, meist Konzentrate aus verschiedenen Kräutern. Ihnen gefielen weder Design noch Marketing. „Außerdem hat es uns einfach nicht geschmeckt.“

Beiden war schnell klar: „Dieses Thema bietet sich für uns an.“ Sie analysierten den Markt und waren bald überzeugt: Da lässt sich etwas bewegen. Neun Monate tüftelten sie zusammen mit befreundeten Ärzten und Heilpraktikern an der Rezeptur – im Keller der Oma.

Anfang 2018 gründeten sie die BitterPower GmbH, drei Monate später startete der Online-Shop. Ihre Tropfen aus 15 ausgewählten Naturkräutern nannten sie BitterLiebe und gaben eine erste Charge mit 600 Flaschen in Auftrag. Ziel war es, sie bis Ende des Jahres zu verkaufen. „Doch wir waren innerhalb von vier Wochen ausverkauft.“ Bereits nach drei Monaten erreichten die Umsätze einen sechsstelligen Bereich. Daher stiegen beide vergangenen Sommer voll in ihr Projekt ein: Sierek kündigte seinen Job im Online-Marketing für Start-ups, Stratmann legte sein Betriebswirtschaftslehre-Studium auf Eis.

Seit vergangenen Herbst ist die Mannheimer Good Brands AG als Investor im Boot, im April haben die beiden Büros in der Turleystraße bezogen. Derzeit beschäftigen sie acht Mitarbeiter, Ende des Jahres sollen es zehn sein. Bis dahin streben sie auch einen Umsatz im siebenstelligen Bereich an. Auch wenn das ein Kraftakt wird: „Das erfordert mehr Bürokratie, eine leistungsfähigere Informationstechnik und andere Abläufe.“

Produziert wird in Deutschland, auch wenn es im Ausland günstiger wäre. „Made in Germany sehen wir als Qualitätsmerkmal.“ Der Standort Mannheim wurde aus Prinzip gewählt – beide kommen aus der Region. Derzeit suchen Sierek und Stratmann nach größeren Lagerräumen in Mannheim. „Wir wollen uns deutlich erweitern, 200 bis 300 Quadratmeter sollten es schon sein.“ BitterLiebe wird über den eigenen Online-Shop und über einen weiteren Internethändler vertrieben – und mittlerweile in die Schweiz, nach Frankreich, Großbritannien und demnächst auch nach Italien verkauft. Ziel ist es, bald auch im stationären Handel verfügbar zu sein. Die Produktpalette dagegen soll bewusst klein gehalten werden.

Probleme machen den beiden nach eigenen Angaben immer wieder die gesetzlichen Regeln für Werbung für Nahrungsergänzungsmittel verbunden mit dem Verbot, gesundheitliche Aussagen zu treffen. „Für uns macht es das schwer.“

Ein Biosiegel hat BitterLiebe nicht, denn die Kräuter kommen aus der ganzen Welt. „Bio ist nicht gleich Bio, die Vorgaben sind in jedem Land anders“, erklärt Sierek. Zu den verwendeten Kräutern gehören Ingwer, Kurkuma oder Enzianwurzel, die einen hohen Anteil an Bitterstoffen aufweisen sollen. Mittlerweile gibt es BitterLiebe auch als Pulver oder Tee.

Bitterstoffe-Neulinge, so die Erfahrung der beiden Gründer, beschreiben den Geschmack anfangs als ungewohnt oder sogar als unangenehm. Obwohl sie sich positiv auf das Wohlbefinden und die Verdauung auswirken sollen und als hilfreich bei Völlegefühl und Heißhunger auf Süßes gelten, sind Bitterstoffe aus geschmacklichen Gründen aus vielen heute verfügbaren Gemüsesorten herausgezüchtet worden. Doch das Bitterempfinden lässt sich trainieren. „Die entsprechenden Rezeptoren gewöhnen sich schnell daran“, erklären die beiden.

Die Hauptzielgruppe des Unternehmens sind Frauen zwischen 30 und 60 Jahren. Die älteste Kundin ist 93 Jahre alt – sie hatte auf dem sozialen Netzwerk Facebook über BitterLiebe gelesen. „Aber unsere besten Kundinnen sind unsere Freundinnen.“