Wirtschaftsmorgen

"Carl Benz hätte das sicher gefallen"

Archivartikel

Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas haben die deutschen Premium-Hersteller Audi, BMW und Mercedes ihre selbst fahrenden Prototypen vorgestellt. Die Bundesregierung plant auf der A9 in Bayern eine erste Teststrecke für autonome Autos. Doch was erwarten eigentlich die Verbraucher? Alfred Schmitt vom Meinungsforschungsinstitut Im-pulse in Heidelberg hat sich damit beschäftigt.

Herr Schmitt, sind Sie selbst schon einmal in einem selbst fahrenden Auto unterwegs gewesen?

Alfred Schmitt: Ich hatte vor zwei Jahren die Chance, auf einer abgeschlossenen Teststrecke ein paar Runden zu drehen. Ein sehr interessantes Erlebnis, das ich gerne wiederholen würde - weil sich die Technik seither bestimmt enorm weiterentwickelt hat.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat vor kurzem gesagt: Die erste Revolution war 1886 die Fahrt von Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim. Nun, mit dem automatisierten Fahren, folgt die nächste Revolution. Sehen Sie das auch so?

Schmitt: Im Kern stimme ich Herrn Zetsche zu. Autonomes Fahren verbindet die Vorteile des Individualverkehrs mit den Vorteilen der öffentlichen Transportmittel. Sprich, es macht uns von fixierten Abfahrtszeiten und Bahnhöfen unabhängig, bietet aber fast den Reisekomfort eines modernen Schnellzugs. Das hätte Carl Benz sicher auch sehr gut gefallen. Nur weiß man im Vorfeld von Revolutionen nie genau, was auf die Akteure zukommt.

Was meinen Sie damit?

Schmitt: Der Motorwagen von Carl Benz und dessen Nachfolger hat, wie wir wissen, die Hersteller von Kutschen aus dem Markt gedrängt. Und wenn ich mir anschaue, von wem insbesondere junge Menschen autonome Autos erwarten, erscheint es mir durchaus realistisch, dass völlig neue Anbieter auf den Markt kommen werden, die den etablierten Marken das Leben schwer machen können. Wenn wir fragen, wer als erster Hersteller autonome Autos anbieten wird, denkt die Mehrheit unserer Interviewpartner spontan vor allem an die deutschen Premium-Hersteller. Aber wenn wir uns ausschließlich die Reaktionen der Befragten im Alter zwischen 16 und 25 Jahren betrachten, ändert sich das Bild dramatisch: Fast zwei Drittel der jüngeren Befragten tippen auf Google & Co.

Warum sprechen Sie von Dramatik?

Schmitt: Dieses Ergebnis birgt eine gewisse Brisanz. Denn was es bedeutet, wenn die Zielgruppe mit dem höchsten Zukunftspotenzial den Elektronik- und IT-Spezialisten wie selbstverständlich die Führungsrolle und damit die Kernkompetenz in Sachen autonomes Fahren zuordnet, kann sich jeder selbst leicht ausrechnen.

Welche Vorteile erhoffen sich Verbraucher von Autos, die komplett alleine fahren?

Schmitt: Drei haben wir bei unseren Studien herausgefunden. Erstens: Zeitgewinn. Beispielsweise würden Berufspendler die Fahrt zum Arbeitsplatz gerne damit verbringen, ihre Tageszeitung zu lesen, während sie die abendliche Rückfahrt lieber dazu nutzen würden, mit Freunden zu chatten oder Neuigkeiten zu posten. Zweitens: Entlastung in unangenehmen Situationen im Verkehr, vor allem Autobahnstaus, Einparken und Durchfahren von Autobahnbaustellen. Drittens erwartet fast die Hälfte der Befragten mehr Sicherheit auf den Straßen.

Wovor haben die Verbraucher Angst?

Schmitt: Unsere Ergebnisse verweisen auf ein ganzes Bündel von Bedenken und Ängsten, auf die sich die Industrie einstellen muss. Fast jeder hat schon mal geflucht, weil sein Computer abgestürzt ist. Fast jeder hat unliebsame Erfahrungen mit Computerviren gemacht. Und jeder hat schon von Hackerangriffen gehört oder vielleicht selbst schon darunter gelitten. Insofern ist es nachvollziehbar, wenn viele Menschen diese Erfahrungen auf autonome Pkw übertragen. Beispielsweise äußern 60 Prozent unserer Befragten Angst vor solchen kriminellen Übergriffen, gegen die es bislang keinen wirkungsvollen Schutz gebe.

Da sind wir gleich beim Thema Datenschutz.

Schmitt: Nahezu alle Befragten gehen davon aus, dass ein autonomes Auto Tonnen von Daten produziert, die irgendwo erfasst und gespeichert werden - aber wer speichert diese Daten, wo stehen die Server und vor allem, was geschieht mit diesen Daten? Die Hälfte unserer Befragten beschleicht bei diesen Fragen eine diffuse Angst vor totaler Überwachung, obwohl, oder gerade weil Autofahren an sich ja für viele noch immer ein wichtiges Symbol ihrer individuellen Freiheit bedeutet.

Und jetzt soll es auf einmal einen Roboter-Chauffeur geben.

Schmitt: Ja, abgesehen von den eben genannten Punkten gibt es viele Menschen, denen bereits die Vorstellung, das Lenkrad an einen elektronischen Diener abzugeben, den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Welche Hausaufgaben muss die Autoindustrie also noch erledigen?

Schmitt: Sie muss für eine absolut verkehrstaugliche und sichere Technik sorgen und die bestehenden Vorbehalte und Ängste so weit wie möglich abbauen. Das geht meiner Einschätzung nach nur, wenn es gelingt, Begeisterung für die Vorteile der neuen Technologie zu wecken. Nicht zuletzt sollte die Industrie berücksichtigen, was die Verbraucher mit ihrer Zeit anfangen wollen, nachdem sie den 'Autopiloten' aktiviert haben: Zeitung lesen, Filme anschauen, im Internet surfen, arbeiten. Aber versuchen Sie mal, auf dem Fahrersitz eines Mittelklasse-Pkw angeschnallt, mit einem Notebook zu arbeiten. Ich denke, die Interieur-Designer haben da noch einiges zu tun. Die jüngst von Mercedes-Benz vorgestellte Studie zeigt sicher einen interessanten Weg auf, aber wir reden hier von einem Wagen in S-Klasse-Format.

Was muss von der Politik kommen?

Schmitt: Meines Wissens ist es EU-weit vorgeschrieben, das Lenkrad mit mindestens einer Hand festzuhalten, was der Idee des autonomen Fahrens zuwiderläuft. Das müsste entsprechend geändert werden. Aber noch wichtiger erscheint mir die Klärung der Haftungsfrage, also: Wer kommt bei Unfällen für die Schäden auf? Unsere Interviewpartner haben dazu eine ebenso klare wie einfache Antwort: "Wenn ich haften soll, macht das Ganze für mich keinen Sinn!"

Wann denken Sie, ist das voll automatisierte Fahren in der Wirklichkeit angekommen?

Schmitt: Wann voll autonome Pkw Serienreife erreichen - wir reden jetzt über Pkw, die ohne jedwede menschliche Beteiligung funktionieren - steht meines Wissens nach noch nicht fest. Ab 2020, manche sprechen auch von 2025, sollen Pkw zur Verfügung stehen, die zwar selbstständig fahren, die der Fahrer aber nach wie vor kontrollieren muss. Das ist aber nur die technische Seite. Wirklich angekommen ist autonomes Fahren erst dann, wenn diese Technologie auch für Kompakt-Pkw und Kleinwagen zu sozialverträglichen Preisen zur Verfügung steht und es gelungen ist, den Markt dafür zu begeistern. Und da sehe ich noch gewisse Defizite.