Wirtschaftsmorgen

Da ist der Wurm drin

Archivartikel

Sie haben gelblichbraune Haut mit dunklen Ringen und sind etwa 20 Millimeter lang. Mehlwürmer auf dem Teller erzeugen bei Menschen in Deutschland eher noch Ekel als Genuss. Langsam drängen essbare Insekten aber auf den Lebensmittelmarkt.

Küchenleiterin Barbara Grundler (Bild) arbeitet in der Schwetzinger Kochschule „barbara’s wine-yards“. Sie will den Teilnehmern Angst und Ekel vor Insekten nehmen – und stattdessen die Vorzüge schmackhaft machen. Vor zehn Jahren habe sie bereits solch einen Kochkurs angeboten. „Damals ging es aber immer nur um den ,Kick‘, Insekten zu essen“, erklärt Grundler. „Heute ist es mir wichtig zu vermitteln, dass bald auf vielen Produkten, die im Supermarkt gekauft werden, unter dem Hinweis ,Protein’ das Protein der Insekten gemeint sein kann – beziehungsweise schon ist.“

Zudem gehe es darum, einen Teil des Essens der Zukunft kennenzulernen. Oft wollten die Teilnehmer einfach etwas Neues ausprobieren, sagt die Küchenleiterin. „Viele Menschen haben noch nie Insektennudeln oder -burger gegessen. Wir denken, dass es wichtig ist, den Teilnehmern Infos darüber zu geben, wie weit sich der Gebrauch der Insekten in der Nahrung verbreitet hat – und natürlich auch Geschmackserlebnisse zu bieten, die noch nicht jeder kennt.“ Bis ins nächste Frühjahr bietet „barbara’s wine-yards“ Kochkurse an (siehe Infokasten).

Weltweit dienen Krabbeltiere laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) bereits zwei Milliarden Menschen als Nahrungsquelle. Zu den rund 2000 essbaren Insektenarten gehören vor allem Käfer, Raupen, Bienen, Wespen, Ameisen, Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmer. Nur in Europa und Nordamerika waren Insekten bis vor Kurzem tabu.

Dabei heben Experten zahlreiche Vorteile hervor. „Essbare Insekten sind eine exzellente Quelle von Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen und wichtigen Mineralstoffen“, heißt es bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Teilweise sei der Proteinanteil sogar höher als beim Fleisch: So enthalten Heuschrecken – auf 100 Gramm bezogen – rund 56 Gramm Eiweiß. Rindfleisch kommt auf 28 Gramm. Zudem ist der essbare Anteil von Insekten laut Verbraucherzentrale mit 80 Prozent deutlich höher als zum Beispiel beim Rind (40 Prozent).

Auch in der Region finden Verbraucher Insekten-Produkte zunehmend in den Regalen der Supermärkte. Edeka etwa verkauft Protein-Riegel und Pasta mit Mehlwurmpulver. Bei einer Aktionswoche hat Lidl in ausgewählten Filialen „Eat Grub“-Insektensnacks angeboten. „Die Insektensnacks sind auf großes Interesse unserer Kunden gestoßen“, teilt eine Sprecherin mit. Die bei Kaufland erhältlichen Buffalowürmer gibt es in der Geschmacksrichtung Sauerrahm und Zwiebel, die Mehlwürmer in Knoblauch und Kräuter.

Studien zeigen, dass Insekten im Vergleich zu Fleisch klimafreundlicher sind: Sie brauchen weniger Platz und Wasser als Rinder, Schweine oder Hühner und verursachen weniger Treibhausgas-Emissionen. Arnold von Huis von der FAO ist davon überzeugt, dass es eine ressourcenfreundliche Alternative zu Fleisch geben müsse.

In einer Studie klärt er über die sprunghaft steigende Weltbevölkerung auf. Demnach sollen auf der Erde im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen leben – außerdem sei der Fleischkonsum pro Kopf von 20 auf 50 Kilogramm gestiegen. Bei diesem Tempo sei schon bald eine zweite Erde notwendig, um genügend Platz für die zahllosen Rinder, Schafe und Schweine zu finden.

Insekten sind demnach möglicherweise der Schlüssel zur Lösung des weltweiten Ernährungsproblems. Wegen ihrer massiven Verbreitung ist es einfach, Insekten zu sammeln. In den vergangenen Jahren war in der Europäischen Union die Zulassung von Lebensmitteln aus Insekten allerdings eine rechtliche Grauzone.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Berlin teilt aber mit, dass seit 1. Januar 2018 die Novel Food-Verordnung für neuartige Lebensmittel gilt. „Insekten – sowohl ganze Tiere als auch Teile davon – werden in der neuen Verordnung explizit genannt. Alle Insekten oder insektenhaltige Produkte, die als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden sollen, müssen vorab gesundheitlich bewertet und zugelassen werden“, heißt es auf der Internetseite des Bundesamtes. Als vegetarisch dürfen diese ausdrücklich nicht bezeichnet werden. (mit jung/wam)

Info: Tipps der Verbraucherzentrale: https://bit.ly/2kFWhfD

Zum Thema