Wirtschaftsmorgen

Darf ich Ihnen meine Karte geben?

Archivartikel

Kommunikation im Job läuft heute ganz anders als noch vor wenigen Jahrzehnten. So mag es etwas verstaubt wirken, wenn der Geschäftspartner eine gedruckte Visitenkarte zückt. „Darf ich Ihnen meine Karte geben?“ Die Kärtchen werden nach wie vor im Arbeitsleben ausgetauscht – trotz zunehmender Digitalisierung. Doch der Umgang hat sich in jedem Falle verändert. Wie halten es Unternehmen in der Region?

Die Heidelberger Druckmaschinen AG druckt ihre eigenen Visitenkarten – für Mitarbeiter, die Kontakt nach außen haben. Über eine Bestellmaske im Intranet könnten die Kärtchen in Auftrag gegeben werden, erklärt eine Sprecherin. Dabei ist ein einheitliches Layout vorgeschrieben, um die „Corporate Identity“ (Unternehmensidentität) zu pflegen. Auf der Rückseite befindet sich ein sogenannter QR-Code, der auf die Internetseite von Heideldruck leitet. „Wir sehen nach wie vor, dass die Visitenkarten sehr gut gebraucht werden.“

Das Unternehmen selbst stellt Druckmaschinen her, mit denen Visitenkarten bedruckt werden können – mit Veredelung, Glanz und Effekten sowie Prägedruck. „Ich denke, wir sind wirklich digital. Aber in China gibt es bereits Bestrebungen, die Visitenkarte außen vor zu lassen“, sagt die Sprecherin. Trotzdem denkt sie, dass sich der Brauch halten wird. „Menschen zeigen ihre Karte als Vertrauensbeweis. Es gibt beim Kontakt weiter diese vertrauensbildende Maßnahme.“

Fragt man bei anderen Firmen an, ergibt sich ein unterschiedliches Bild. Beim Autohersteller Daimler wird mit einem papierlosen Bürokonzept gearbeitet. Mitarbeiter haben trotzdem weiterhin die Möglichkeit, Visitenkarten zu bestellen. Sie gehören nach Angaben des Konzerns jedoch nicht mehr zur Standardausstattung. Beim Softwareanbieter SAP in Walldorf heißt es, dass die Bedeutung von gedruckten Visitenkarten in den vergangenen Jahren abgenommen habe – und weiter abnehmen werde.

Auch bei der Weinheimer Unternehmensgruppe Freudenberg wird die Nachfrage schwächer. „Früher galt die Visitenkarte als Statussymbol“, erinnert sich eine Sprecherin. Heute sei der Austausch eher spießig. Der Trend gehe, besonders wegen des Mail-Kontakts, zum papierlosen Büro. „Ich habe auch noch so viele Visitenkarten, aber ich wüsste gar nicht, wem ich die geben soll“, erklärt die Sprecherin. „Heute sagt man: Sie haben ja meine Mail, da stehen meine Kontaktdaten drin.“ Ihrer Meinung nach besteht kein Bedarf mehr. Auch der QR-Code sei lediglich eine „lebensverlängernde Maßnahme“.

Anders sehen das Merck, Roche und BASF: Gerade Mitarbeiter mit externen Geschäftskontakten oder Auslandsaufenthalten würden mit Visitenkarten ausgestattet. Sie seien „ein etabliertes Format im geschäftlichen Umfeld“, sagt ein Sprecher des Pharmakonzerns Merck in Darmstadt. „Für Mitarbeiter mit direktem Kundenkontakt ist der schnelle Austausch von Daten sehr hilfreich“, teilt BASF in Ludwigshafen mit. Besonders vor großen Messen steige die Nachfrage.

Der Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx vom Think Tank Zukunftsinstitut aus Frankfurt bemerkt, dass es in der Kreativ- und der Beratungswirtschaft in Deutschland, der Schweiz und Österreich eine Zeit lang „uncool“ gewesen sei, Visitenkarten zu verteilen. „Nach dem Motto: Du findest mich schon online.“ In jüngerer Zeit sei die Visitenkarte aber wieder im Kommen. „Die Visitenkarte lebt davon, dass man sie eher weniger Leuten gibt. Und dafür ist sie dann was Besonderes.“ Wie viele heutzutage jährlich gedruckt und vertrieben werden, ist laut Bundesverband Druck und Medien unklar.

Die Deutsche-Knigge-Gesellschaft hält die gedruckte Visitenkarte immer noch für ein Muss in der Arbeitswelt. „Sie ist, wenn sie gut gemacht ist, eine handliche Zusammenfassung zu Ihrer Person und Ihrer Position“, hebt die stellvertretende Vorsitzende Linda Kaiser hervor. „Kein anderes Medium kann diese Information im persönlichen Kontakt so schnell verfügbar machen wie diese Karte.“ (mit dpa)

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