Wirtschaftsmorgen

„Deutschland ist Land der Automatisierer“

Archivartikel

Fast jeden Tag befasst sich Jan-Henning Fabian mit Künstlicher Intelligenz (KI). Er ist Leiter des Forschungszentrums von ABB in Ladenburg. Der Schweizer Konzern entwickelt hier Technologien für die Zukunft. Fabian ist überzeugt, dass Deutschland führender Standort für Industrie 4.0 ist. Ob er sogar Maschinen mit eigenem Bewusstsein für möglich hält, verrät Fabian im Interview.

Herr Fabian, wenn wir Künstliche Intelligenz nutzen – wozu werden dann noch Mitarbeiter aus Fleisch und Blut gebraucht?

Jan-Henning Fabian: Bei eigenständig handelnden Systemen gibt es tatsächlich die Befürchtung, dass Menschen eines Tages überflüssig werden. Aber sehen Sie: Die meisten Systeme in der Industrie sind Assistenzsysteme, die Werker oder Anlagenfahrer in der Fabrik gezielt unterstützen. Zudem muss der Mensch am Ende immer die Entscheidungsgewalt haben. Das hat auch mit Haftungsfragen zu tun.

Künstliche Intelligenz und Vernetzung sind wichtige Wettbewerbsfaktoren. Kann ein Unternehmen überhaupt noch darauf verzichten?

Fabian: Es mag Nischen geben, in denen vernetzte Geräte kaum eine Rolle spielen. Aber in der Industrie mit Automatisierung und alldem: nein. Kunden erkennen zunehmend den Nutzen von Assistenzsystemen. Der Servicetechniker vor Ort hat sein Tablet dabei und will mit intelligenter Software eine Maschine warten. Solche Angebote sind wichtige Wettbewerbsfaktoren.

Wie weit ist Deutschland verglichen mit anderen Staaten bei KI?

Fabian: Häufig werden die USA und China mit Künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht. Die USA haben Konzerne wie Facebook und Google. In China investieren einzelne Städte so viel wie die gesamte Bundesrepublik Deutschland in die KI-Forschung – in viele Bereiche. Rein auf die Industrie bezogen haben wir gewaltige Chancen. Deutschland ist das Land der Automatisierer und bei Industrie 4.0, also der intelligenten Vernetzung von Maschinen und Abläufen, führend. Die Bundesregierung hat das Projekt mit ihrer Hightech-Strategie vorangetrieben. Hier lässt sich Künstliche Intelligenz gezielt einsetzen.

Durch KI, verbunden mit Vernetzung, wächst die Sorge um Datenschutz. Was können Sie entgegnen?

Fabian: Inzwischen haben wir Geschäftseinheiten, die sich nur um das Thema Cybersicherheit kümmern. Die Anlagen sind zehn bis 30 Jahre lang im Einsatz, sie müssen über einen ziemlich langen Zeitraum sicher betrieben werden und nicht von außen durch Hacker angreifbar sein. Dazu forschen wir auch.

Eine gehackte Anlage wäre eine Katastrophe . . .

Fabian: Ja. Die Gefahr besteht durchaus bei zunehmender Vernetzung. Wenn Unternehmen ihre Daten an einen Cloud-Anbieter auslagern zum Beispiel. Das Bedrohungspotenzial ändert sich sehr stark, es gibt immer neue Technologien. Wir haben komplette Teams, die Kunden unterstützen, damit ihre Anlagen sicher betrieben werden. Oft fängt das Problem aber schon woanders an . . .

Wie meinen Sie das?

Fabian: Wenn ein Mensch sorglos einen USB-Stick in einen Computer steckt und damit Viren und andere Störprogramme verbreitet. Oder wenn der Mensch in der Mail eines unbekannten Absenders unachtsam auf einen Link klickt – was er besser lassen sollte.

Das Forschungszentrum von ABB sitzt in Ladenburg. Nicht gerade eine Adresse, die man mit Hochtechnologie verbindet. Wie schwer ist es für Sie, Fachkräfte zu finden, die neue Technologien entwickeln?

Fabian: In mehr oder weniger direkter Nachbarschaft gibt es Top-Universitäten: die Universität Heidelberg, eher wissenschaftlich geprägt. In Darmstadt die Technische Universität mit vielen hervorragenden KI-Experten. Oder das Karlsruher Institut für Technologie. Das Ladenburger Forschungszentrum wird international immer attraktiver, schon jetzt sind Mitarbeiter aus aller Herren Länder hier beschäftigt. Wir sprechen Englisch im Alltag. Ladenburg ist neben Bangalore (Indien) und Huston (USA) ein ABB-Forschungszentrum mit „Customer Experience Center“, in dem Kunden Anwendungen mit KI betrachten und erleben können.

Wer Künstliche Intelligenz hört, verbindet damit HAL 9000, den Supercomputer aus dem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder den Roboter R2-D2 aus „Star Wars“. Wird es jemals eine solch starke KI geben?

Fabian: Nein. Die höchste Entwicklungsstufe wird meiner Meinung nach eine Künstliche Intelligenz sein, die der menschlichen Fähigkeit entspricht, unbekannte Aufgaben zu lösen. Diese Stufe wird noch zu meinen Lebzeiten erreicht. Natürlich haben Algorithmen in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Aber dass R2-D2 auf mich zurast, kann ich nicht erkennen. Maschinen mit eigenem Bewusstsein bleiben Science-Fiction. Auch wenn manche Leute bei uns im Haus das anders sehen (lacht).

Das Interview wurde persönlich im Forschungszentrum geführt und Jan-Henning Fabian vor Veröffentlichung vorgelegt.