Wirtschaftsmorgen

Ein Senior gibt Sicherheit

Archivartikel

Der Eckladen am Schwetzinger Platz in Mannheim macht schon von außen neugierig: "Audrey und Karl" steht auf dem Schaufensterglas, dahinter sind Tuben mit Bodylotion, Cremetiegel und Lidschatten zu sehen. Drinnen zieren Bilder von Audrey Hepburn und Karl Lagerfeld die weiß-violetten Wände des Verkaufsraums. Auf der Bank am Fenster sitzen ein älterer Herr und eine junge Frau - sie könnten Großvater und Enkelin sein. Doch ihr Gespräch dreht sich um Geschäftszahlen: "Fragen Sie Ihren Steuerberater mal, was es mit diesem einen Posten hier auf sich hat", sagt der Mann. "Ansonsten ist alles wunderbar."

Bei dem Mann handelt es sich um Wolfgang Fritz, bei der jungen Frau um Carolin Raquet, die Inhaberin von "Audrey und Karl". Im März eröffnete die 25-Jährige das Kosmetikstudio - und Fritz unterstützte sie dabei: Als Mitglied der "Senioren der Wirtschaft" berät er Unternehmer und solche, die es werden wollen. Carolin Raquets Alter habe ihn anfangs schon skeptisch gemacht, erzählt Fritz. "Ich dachte mir: Ich bin schon 67, sie ist noch so jung - ob das wohl klappt?" Doch dann lernten sich die beiden kennen, und seine Zweifel waren sofort verflogen. Denn Carolin Raquet ist zwar klein, zierlich und mag noch jünger aussehen, als sie ist - "aber sie ist selbstbewusst und ehrgeizig, strahlt viel Kraft und Durchsetzungsvermögen aus", sagt er.

Genau die richtigen Voraussetzungen für ein Gespräch mit der Bank. "Die machen ihre Entscheidungen über Kredite in erster Linie von der Person abhängig." Fritz fühlte bei der Bank vor, dann nahm er Carolin Raquet mit. "Schon nach dem ersten Gespräch hatten wir eine mündliche Zusage", erzählt sie.

So einfach ist es nicht immer, wenn Fritz Unternehmer berät. "Manchmal lehnt die Bank einen Kreditwunsch ab, obwohl das Konzept gut und der Unternehmer seriös ist", sagt er. Und manchmal gebe es auch Leute, deren Konzept ihn einfach nicht überzeuge. "Dann sage ich das auch ganz offen - alles andere bringt ja nichts."

Dass es bei Carolin Raquet so gut lief, lag auch an ihrem Businessplan. Den Zahlenteil stellte Wolfgang Fritz mit ihr auf. "Das war super, denn von Zahlen hab' ich wenig Ahnung", bekennt sie. Beim Rest half ihr Monika Nanni vom Mannheimer Gründerinnenzentrum Gig7. Sie war es auch, die den Kontakt zu dem Wirtschaftssenior vermittelt hatte. "Wir arbeiten eng mit Beratungszentren wie dem Gig7 zusammen", erzählt Fritz, der früher unter anderem im Vorstand bei dem Industrieunternehmen Diehl tätig war. "Und auch die IHK schickt viele Existenzgründer zu uns."

Für Carolin Raquet hört die Unterstützung des Seniors mit der Gründung noch nicht auf. Die beiden setzen sich einmal im Monat zusammen und schauen über die Zahlen von "Audrey und Karl". "Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit", erzählt sie. "Und ich weiß, dass ich ihn jederzeit anrufen kann, wenn ich ein Problem habe." Gerade in der Anfangszeit gibt es immer wieder Phasen der Unsicherheit, der Zweifel: Läuft alles so, wie es soll? "Da hilft es, wenn ein Berater mit Erfahrung einen beruhigt", sagt Carolin Raquet. Und beruhigen kann Fritz sie: "Sie hat vom ersten Tag an ihre Ziele erreicht."

Die 25-Jährige hat sich gut auf den Schritt in die Selbstständigkeit vorbereitet: Nach dem Besuch der Kosmetikschule in Mannheim fing sie in der Kurfürsten-Parfümerie an, ging dann für ein halbes Jahr nach Paris, wo sie für den Fotografen Christian Borth arbeitete. "Damit habe ich mir einen Traum erfüllt." In München war sie für Bobbi Brown und Jo Malone tätig, bevor es sie wieder nach Mannheim zog, wo sie für MAC Cosmetics arbeitete. "Aber irgendwann war mir das nicht mehr genug. Ich wollte einen eigenen Laden - den perfekten Laden!"

Carolin Raquet wusste genau, wie er aussehen sollte, ihr perfekter Laden: modern, hell, ansprechend - für Kunden jeden Alters und jeden Geschlechts. Ihre Hauptzielgruppe bezeichnet die Kosmetikerin als "die reife Frau". Dass der Altersunterschied dabei nicht ins Gewicht fällt, zeigt sich, als eine ältere Kundin hereinkommt: Die beiden sprechen wie Freundinnen miteinander. Aber auch Männer kommen zu Carolin Raquet. Oft seien das Unternehmer oder Manager, die viel arbeiten und sich nach ein wenig Entspannung sehnen. "Und die bekommen sie hier." Die Kosmetikerin lächelt. "Kaum etwas ist so entspannend wie eine Gesichtsbehandlung!" Wolfgang Fritz schickt dann aber doch lieber andere zu Carolin Raquet. "Meine bessere Hälfte meldet sich", ruft er - und ist zur Tür hinaus, auf dem Weg zum nächsten Beratungstermin.