Wirtschaftsmorgen

Erst Braut, dann Geschäftsfrau

Archivartikel

Als Gründungsdatum für ihren „Ja“-Hochzeitsshop wählte Tanja Becker einen typischen Hochzeitstermin: den 9.9.2009. Der brachte ihr offenbar Glück. Seit zehn Jahren vertreibt sie inzwischen zusammen mit ihrem Mann Oliver Dekoartikel und Accessoires für Hochzeiten, Partys und andere Anlässe.

Anstoß für die Unternehmensgründung seien damals die Vorbereitungen für ihre eigene Hochzeit gewesen, erzählt Becker. Dabei habe sie den Eindruck gehabt, die angebotenen Dekoartikel seien teils sehr angestaubt. „Alles war gold, rot oder aus Plastik. Das konnte ich nicht verstehen – das ist so eine junge Zielgruppe.“ Sie informierte sich und fand viele schöne Ideen im Ausland.

Zu dieser Zeit arbeitete die gelernte Hotelkauffrau im Familienbetrieb. Doch die Idee ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Während ihrer ersten Schwangerschaft besuchte sie Messen und einen Gründerworkshop. „Mir wurde klar: Dieses Thema ist mein Ding, meine Leidenschaft.“ Ihr Ziel: Neue Farben, neues Design, andere Produkte. Anfangs genügte das Büro zu Hause in Edingen, doch das Interesse war groß und schnell platzten die Räumlichkeiten aus allen Nähten. Heute sitzt das Unternehmen in Brühl und verfügt Becker zufolge über fast 900 Quadratmeter Lagerfläche mit vollautomatisiertem Versand.

Mehr als 4000 Artikel gehören zum Sortiment, für ihre Eigenmarke greift Becker Trends wie den Urban Style, Vintage oder grafische Muster auf. Während die Nachfrage nach Tortenfiguren oder Gästebüchern konstant bleibe, seien derzeit vor allem Junggesellinnenabschiede ein großes Thema. Dafür entwickelte Becker zum Beispiel ein „Hangover-Set“ für den Kater danach. Ein Hochzeitsplanungsbuch enthält neben einer Seite zum Üben der neuen Unterschrift auch unromantische Themen wie Budgetplanung oder Ehevertrag. Inspiration erhält Becker auf Hochzeitsmessen im In- und vor allem im Ausland oder durch internationale Hochzeitszeitschriften.

Eine wichtige Rolle im Unternehmen spielt auch Beckers Schwester Verena. Sie wurde mit dem Down-Syndrom geboren und arbeitet in der Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung der Lebenshilfe Heidelberg in Hockenheim.

Dort lässt Becker kleine Perlen-Armkettchen mit Schriftzügen wie „Blumenkind“ oder „Trauzeugin“ binden. Mehrere 1000 verlassen pro Jahr die Werkstatt. Jedes Kettchen trägt auf einem Kärtchen den Namen oder Fingerabdruck von Verena oder ihren Kollegen, die stolz darauf sind, persönlich zum schönsten Tag im Leben vieler Menschen beizutragen. Derzeit ist Verena auch das Gesicht des Hochzeitshops – und auf professionellen Fotos zu sehen, die von den beiden Schwestern gemacht worden sind. In kleinen Videos auf Instagram erzählt sie außerdem über ihre eigene Hochzeit oder erklärt, wie die kleinen Armbändchen entstehen.

Die Werkstatt soll in weitere Arbeitsschritte eingebunden werden. „Denkbar ist zum Beispiel die Konfektionierung von Hochzeitsplanungsordnern“, erklärt Tanja Becker. Hochzeiten sind allerdings ein Saisongeschäft. Die Lücke füllt die Unternehmerin mit zwei neuen Linien: dem Kidsshop und dem Partyshop. Die Produktpalette wurde um Artikel für gleichgeschlechtliche Hochzeitspaare und um personalisierbare Produkte erweitert.

Aus eigenen Mitteln investierte Becker nach eigenen Worten nur rund 500 Euro in ihr Unternehmen: „Damit habe ich mir am Anfang ein kleines Shopsystem programmieren lassen.“ Ware bestellte sie damals nach Bedarf, der Preis waren längere Lieferzeiten. „Seither habe ich immer mit den Einnahmen gewirtschaftet und bin langsam, aber Schritt für Schritt gewachsen.“

Ihre Mannschaft besteht mittlerweile aus neun Mitarbeitern, darunter auch Hannah Fecht, die sich um das Marketing in sozialen Netzwerken kümmert. Dadurch wird die klar definierte Zielgruppe erreicht: Anfang 20 bis Mitte 30. In einem Blog oder auf Instagram informiert Fecht über Themen wie Budget oder Tischordnung oder führt die Rubrik „Probleme einer Braut“.

Tanja Becker wird oft gefragt: „Wie hast du das geschafft?“ Ihre Erfahrungen möchte sie gerne an Frauen – und im Idealfall an junge Mütter – weitergeben: „Während ich bei meinem ersten Workshop der IHK als Teilnehmerin selbst schwanger war, habe ich bei meiner zweiten Schwangerschaft bereits referiert“, sagt die Unternehmerin und schmunzelt.

Zum Thema