Wirtschaftsmorgen

„Es kommt auf jedes Detail an“

Archivartikel

Seit fünf Jahren liegt sie am Abend ihres Geburtstags auf dem Boden ihres Büros. Breitet Pläne vor sich aus. Schiebt Schichten hin und her. Damit alles passt an dem einen der beiden wichtigsten Tage ihres Unternehmens: dem 6. Dezember. „Am 4. Dezember ist Stichtag“, sagt Jowita Querbach. Das ist ihr Geburtstag. „Zwei Tage später muss alles passen. Früher kann ich die Pläne nicht rausschicken, denn es kann sich noch alles ändern.“ Querbach vermittelt Nikoläuse und Weihnachtsmänner an Familien, Unternehmen, Weihnachtsmärkte. Wegen des Geldes macht sie das nicht, sagt sie. „Das ist nicht der Rede wert.“ Es ist die Einstellung, erklärt sie. Die Kinder strahlen zu sehen, und auch die Eltern, wenn sie ihren Kleinen eine riesige Freude machen – darauf komme es an.

Eigentlich leitet die Diplom-Veranstaltungsmanagerin die Agentur Raffini Kinderevents in Ludwigshafen. Ihre Weihnachtsmann- und Nikolausagentur ist ein Tochterunternehmen. Bei Raffini dreht sich alles um das Kind. Schminken, Ballonmodellage, Animation, Betreuung – ob bei Kindergeburtstagen, Firmenfeiern, Hochzeiten oder Stadtfesten. Der 44-Jährigen ist es besonders wichtig, dass ihre Mitarbeiter vertrauenswürdig und zuverlässig sind. „Wir bilden alle selbst aus“, sagt sie. „Und ich mache mir ein Bild von jedem einzelnen.“ Aus welcher Sparte die Mitarbeiter kommen, ist laut Querbach irrelevant. Wichtig sei es, dass sie den Bezug zu Kindern haben, mit ihnen umgehen können, affin sind. „Das können Erzieher sein, Künstler, Schauspieler oder auch Mamas. Erfahrung mit Kindern ist mir wichtiger als die Fähigkeiten im Bereich der Animation.“ Schminken oder Ballontiere machen – das könnten sie alles noch lernen. Genauso wie das richtige Verhalten des Weihnachtsmanns.

Querbachs Unternehmen arbeitet nach dem Weihnachtsmann-Kodex. Bundesweit haben sich Vermittleragenturen von Weihnachtsmännern und Nikoläusen zusammengetan und Verhaltensregeln verfasst. Damit wollen sie ein Gütesiegel für den Weihnachtsmann schaffen. Qualität sichern. Und diesen Kodex bekommt jeder Weihnachtsmann-Anwärter für seine Ausbildung ausgehändigt. Das ist aber nicht das Einzige, was jemand wissen muss, der den Weihnachtsmann auf Erden vertreten will.

Querbach bildet die Gabenbringer selbst aus. „Wer es ernst meint, und es nicht wegen des Geldes machen will, der kann sich gern bei uns bewerben“, sagt sie. Eigentlich greift sie aber lieber auf Weihnachtsmänner zurück, die sie schon kennt. „Da weiß ich, dass sie die Kinder glücklich machen.“ Jemand, der diese Bürde tragen möchte, müsse sich erst einmal in ihrem Büro vorstellen. Wo der Anwärter welches Kostüm kauft, das gibt die Agentur vor. „Wir wollen, dass jeder gleich aussieht.“

Kostümiert übt der Auszubildende mit Querbach. Dann ist sie das Kind und muss dem Weißbärtigen die Show abkaufen. Dabei sind die Verhaltensregeln immer einzuhalten. Die Sprache, der Gang, die Intonation, die Lautstärke. Und natürlich das Aussehen. „Das ist das Wichtigste“, sagt sie. Kein Ehering, keine Uhr, der Weihnachtsmann raucht nicht, er trägt keine Sportschuhe oder Jeans. „Die Kinder werden immer neugieriger und sind auch realistischer“, erklärt die Ludwigshafenerin. „Deshalb ist die Glaubwürdigkeit sehr wichtig, da kommt es auf jedes Detail an.“

Und dann sind da noch die ganz praktischen Dinge, auf die ein Lehrling achten muss. „Er sollte sich zum Beispiel niemals auf einen Sessel oder eine Couch setzen – denn dann kommt er in seinem Kostüm nicht mehr hoch. Dafür ist der Bauch nämlich zu dick.“ Ein weiteres Problem, mit dem ein Nikolaus zu kämpfen hat: die Brille. Er muss eine tragen. Wenn er im Winter aber vom Kalten ins Warme kommt, beschlägt sie. „Darauf muss man vorbereitet sein“, sagt Querbach. Denn der Weihnachtsmann liest aus dem Goldenen Buch. Mit beschlagener Brille ist das natürlich schwer.

Was aber steht in diesem Buch? „Ich nehme schon im Vorfeld Kontakt zu den Eltern auf. Die schreiben mir dann etwas zu den Kindern, die an dem Event da sind“, erklärt die Inhaberin. „Zum Beispiel: ,Jonas war sehr brav, er hat sein Gemüse gegessen und sein Zimmer aufgeräumt. Aber er hat sich abends nicht die Zähne geputzt.’ Solche Dinge, nur etwas positiver verpackt.“

Der Besuch bei Familien oder Festen muss auf die Minute genau getaktet sein. „Das ist viel aufwendiger als jedes andere Event.“ Deshalb bekommt der Weihnachtsmann ein genaues Briefing: Wo sind die Geschenke versteckt? Wie viele Kinder sind da? Was soll er sagen, wenn er ankommt? Wie ist der Ablauf bei der Veranstaltung? Wie kommt er ins Haus? Denn der Weihnachtsmann klingelt nicht. Er läutet eine Glocke oder er klopft an. Stichwort: Glaubwürdigkeit. Dann hat er, je nach Anzahl der Kinder, eine gewisse Zeit vor Ort. Und fährt danach direkt zum nächsten Event.

Dabei muss Querbach immer genau berechnen, wie viel Zeit die Animateure vom einen zum nächsten Ort brauchen werden. Probleme machen ihr dabei in diesem Jahr die Hochstraße Süd und die Kurt-Schumacher-Brücke. Die beiden gesperrten oder teilgesperrten Rheinquerungen verursachen Verkehrsbehinderungen im ganzen Nikolaus-Vermittlungsgebiet.

Sie muss also viel mehr Zeit einplanen und vor allem darauf achten, dass kein Nikolaus oder Weihnachtsmann über den Rhein muss. So wird sie an ihrem Geburtstag wieder auf dem Boden liegen – und wahrscheinlich in diesem Jahr noch heftiger grübeln. „Fliegen können wir leider noch nicht mit unserem Schlitten.“