Wirtschaftsmorgen

Fabelhafte Gründerzeit

Archivartikel

Er ist Kaffeetrinker und "Tatort"-Gucker. Das verrät der erste Blick auf die Homepage. Klingt verräterisch nach bundesdeutschem Durchschnitt. Er ist aber auch Socken-Liebhaber. Schon bemerkenswerter in einem Land, dessen Urlauber andernorts für Tennissocken in Sandalen verhöhnt werden. Der 34-jährige Mannheimer Matthias Storch aber ist noch vieles mehr: Gründer, Berater, Investor, Teilhaber, Geschäftsführer. Nicht zu vergessen: Studienabbrecher.

Storch ist einer von denen, die sich immer ein bisschen mehr getraut - wohl auch zugetraut - haben als andere. 13 Jahre ist es her, da hat der damalige Wirtschaftsinformatik-Student zum ersten Mal gegründet. Gemeinsam mit einem Kommilitonen: ein Software- und Beratungshaus. Eineinhalb Jahre - "und auf dem Konto kam nichts an". Da mussten die Jungunternehmer aufgeben. Sie zahlten den Kredit ab und kamen so um die Insolvenz herum. Projekt Nummer eins? Gescheitert! "Das tat weh. Aber ich habe viel gelernt."

Der Anfang war hart, das gibt Storch unumwunden zu. "Die ersten vier Jahre, das war schon am Existenzminimum." Aber Aufgeben liegt ihm nicht. Also weiter: Projekt Nummer zwei? Erfolgreich! Ein Informations- und Nachrichtenportal für Gründer.

Jetzt sitzt Matthias Storch in der Neckarstadt-Ost, inmitten von kreativem Umzugschaos und nicht weniger kreativen Schützlingen, die er berät. "Betreutes Gründen" nennt er das scherzhaft: Storch und sein Partner Marc Langner sorgen dafür, dass das Geld fließt und die Gründer sich auf das operative Geschäft konzentrieren können. Denn Storch weiß nur zu gut, dass viele an dieser Stelle scheitern: Die Finanzierung fresse enorm viel Zeit, andere wichtige Aufgaben, die das direkte Geschäft beträfen, blieben dadurch liegen. Aber auch dort unterstützt Storch die Gründer, wo er kann: "Wir fangen schon bei der Firmenidee an."

Matthias Storch wusste früh, dass er "niemals angestellt sein will". Nach vier Semestern schmiss er das Studium. Seine Eltern - Arzt und Lehrerin - fanden das "gar nicht gut". Aber es ist schon lange kein Thema mehr. Es folgten immer neue Ideen, immer neue Firmen. Heute ist Storch unter anderem Geschäftsführer eines Internet-Portals, Investor bei - Überraschung - der aufstrebenden, jungen Mannheimer Herrensockenmarke "von Jungfeld". Und jetzt auch T-Shirt-Verkäufer.

Die Stimmung ist gut im ständig wachsenden Büro, schon die Einrichtung zeugt von der geballten Kreativität, die sich hier um die Schreibtische schart. Alte Federballschläger sind an der Wand aufgereiht, Modefotos hängen dort, die quietschebunten Socken von Stilfaser - hübsch drapiert. Ein Tischkicker steht in der Ecke. So stellt man es sich vor: das kleine Großraumbüro der Mannheimer Start-up-Szene.

Lange investierte Storch vor allem im technischen Bereich, in diverse Internetportale. Eine neue Leidenschaft gilt Dingen, die man nicht nur am Bildschirm bewundern, sondern tatsächlich anfassen kann. Dunkelblau sind die T-Shirts der ersten, auf 250 Stück limitierten Edition: "aus Bio-Baumwolle, mit Bio-Farben bedruckt". Ein und derselbe Schriftzug ziert alle 250 Shirts: "Fabelhaft". Und fabelhaft ist im wahrsten Wortsinne auch der Name des neuen, kleinen Labels, das Matthias Storch gemeinsam mit dem befreundeten Kommunikationsdesigner Timo Völker betreibt: Stork & Fox, inspiriert von der Fabel vom Fuchs und dem Storch.

Die beiden haben die T-Shirts ausgewählt, das Design entworfen, und die Ware bedrucken lassen: per Siebdruck in einer Bensheimer Druckerei. Sie verpacken und verschicken die Shirts auch selbst. Ab dem Frühjahr wollen Stork & Fox jeden Monat eine kleine Auflage mit jeweils neuem Motiv auf den Markt bringen. So sollen die Teile etwas Besonderes bleiben.

Das Label scheint mehr liebevoll gepflegtes Hobby als hartes Geschäft. Eins, das Storch sich leisten kann, weil andere Geschäfte gut laufen. Das kommt nicht von ungefähr: Zwölf bis 15 Stunden am Tag arbeite er schon. Zeit bleibt wenig. Er reist viel - und arbeitet von unterwegs: New York oder Mallorca zum Beispiel. Aber es muss nicht immer die weite Welt sein: "Ich fahre auch gerne mal raus in die Pfalz."

Bei allem Erfolg ist Storch bodenständig - und Mannheim treu - geblieben. Hamburg oder Berlin? Da war er viel unterwegs, hat dort viel gearbeitet. Und auch oft darüber nachgedacht, ganz zu gehen. Am Ende blieb er. "Ich fühle mich wohl hier", sagt er. Und dass man in der Region gut gründen kann. "Es ist einfacher, Investoren zu finden." Außerdem gefällt ihm das Understatement: "Es gibt nicht so einen Gründerhype wie in Berlin. Es sind weniger, aber gute Leute hier. Und die machen erst mal kein Aufsehen, sondern legen einfach los."

So wie Storch es getan hat. Ohne Ausbildung, ohne Studium, nur mit Mut, Selbstvertrauen und dem Kopf voller Ideen. "Das Studium werde ich nicht mehr nachholen", versichert er. Bislang klappt es auch ohne ganz fabelhaft. Und übertreiben muss man es als kreativer Kopf ja nicht mit der Bodenständigkeit.