Wirtschaftsmorgen

Frisch aus der Druckerpresse

Archivartikel

Als Jürgen Franssen zum ersten Mal die Hexenküche betritt, geht es um die Liebe. Seine Hochzeit steht an und er ist auf der Suche nach jemanden, der ihm auf traditionelle Weise Einladungen druckt - im Bleisatz, so, wie man es schon vor Jahrhunderten getan hat. Franssen hat das Internet durchforstet, Bekannte befragt, die gesamte Region abgesucht. Am Ende landet er in Mannheim-Neckarau.

Der Ort, der den 47-Jährigen seit jenem Tag im Mai 2012 nicht mehr losgelassen hat, liegt versteckt in einem Hinterhof: die kleine Werkstatt im Erdgeschoss eines Wohnhauses ist vollgepackt mit mehreren Jahrzehnten Druckerei-Geschichte. Vier Maschinen stehen im Raum verteilt, Metallkolosse aus Heidelberg, einem Traditionsstandort der Druckindustrie. Drumherum stapeln sich Werkzeug, Farbtöpfe, Papierpakete.

Der Mann, der hier seit Mitte der 70er mit all diesen Zutaten sein Geld verdient hat, macht es sich auf einem Hocker bequem und blickt stolz um sich. "Das ist eine Hexenküche", brummt Armin Kausch und setzt ein schelmisches Grinsen auf.

Der 73-Jährige hat seine Werkstatt nach und nach erweitert: Heute kann man hier im Buchdruck arbeiten, oder das Offset-Verfahren nutzen, bei dem die Farbe von der Druckplatte zunächst auf ein Gummituch übertragen wird. Zusätzlich können Kunden Produkte wie Visitenkarten, Urkunden oder Briefumschläge weiterverarbeiten und "veredeln" lassen, beispielsweise indem man Metallpigmente durch die sogenannte "Heißfolienprägung" mit dem Papier verschweißt.

Mit der Zeit hat sich Kausch eine Stammkundschaft erarbeitet: Firmen, Organisationen, Private. So konnte die "AK Werkstatt für handwerkliche Druckkunst" überleben - bis heute. Doch das Alter und gesundheitliche Probleme machten Kausch zuletzt zu schaffen, einen Nachfolger gab es nicht. Eigentlich hatte sich der Drucker-Meister schon damit abgefunden, seine Werkstatt zu schließen. Bis zu jenem Tag, als Franssen bei ihm klingelt.

Der promovierte Archäologe aus Heidelberg hatte sich schon immer für den Buchdruck interessiert. Als er hört, dass Kausch die Schotten dichtmachen will, reagiert er schnell. "Womöglich steht der Käufer vor Ihnen", sagt er damals. Zehn Monate später unterschreibt er den Vertrag - und geht als Quereinsteiger bei Kausch in Lehre.

Eine ungewöhnliche Kombination: Hier Kausch, ein kräftiger älterer Herr mit Hosenträgern und weißen Haaren, der sein Leben lang mit den Händen gearbeitet hat. Auf der anderen Seite Franssen, groß, schlank, mit Doktor-Titel. Das französische "bon" sagt er, wenn er "na gut" meint, sich selbst nennt er "einen Kopfmenschen".

An diesem Morgen in der Werkstatt wollen Kausch und Franssen zeigen, wie sehr sie sich trotz der Unterschiede für ihre gemeinsame Sache begeistern. Sie machen sich an einer der Press-Maschinen zu schaffen, ein 58 Jahre alter "Tiegel", "Original Heidelberg", steht darauf. Kausch zieht an einem Hebel. Ein Rad rattert, das schwarze Ungetüm stößt ein paar zischende Seufzer aus, zieht ein weißes Blatt Papier heran, drückt es mit der Gewalt von 60 Tonnen gegen eine Messingplatte. Als das Blatt wieder ausgespuckt wird, ist der Name einer Kosmetikfirma, für die Kausch und Franssen Verpackungen gestalten, nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen. "Blindprägung", nennt sich diese Technik.

Beiden lächeln zufrieden. Seit Monaten arbeitet das Duo Seite an Seite. Kausch nimmt dafür kein Geld vom neuen Besitzer. Er bildet umsonst aus, zeigt, erklärt. Franssen ist Chef und Schüler zugleich. Er lernt, wie man die Maschinen bedient, wie man farbige Linien auf den Punkt genau druckt - oder wie man mit Lieferanten verhandelt. "Gott sei Dank war mir nicht klar, worauf ich mich einlasse", sagt er und lacht. "Aber wenn ich etwas anfange, ziehe ich es durch. Bon."

Neben der Eingangstür hängt ein Schild. "Vom Handwerk kann man sich zur Kunst erheben, vom Pfuschen nie", steht darauf. Sauber und künstlerisch arbeiten, das wollte Kausch schon immer und das will Franssen ebenfalls - auch wenn die Herstellung einer Visitenkarte Stunden dauern kann. Er schätze es, sagt Franssen, so den Bezug zum Gegenstand zu behalten.

Trotz allem muss am Ende auch die Kasse stimmen. "Die Preise in der Branche sind kaputt", sagt Franssen. Während große Unternehmen Mitarbeiter entlassen, glaubt er trotzdem an seine Traditionswerkstatt. Konkurrenz gibt es kaum. Die Kunden kommen aus dem ganzen Land. "Wir setzen auf die Nische", sagt Franssen. "Im Moment spielt die Werkstatt die Kosten ein." Mittelfristig soll es weiter gehen. Franssen hat einiges verändert. Es gibt eine Webseite und einen Facebook-Auftritt. Später will er mit Grafikstudenten arbeiten.

Ein paar Meter über den Hof gibt es einen weiteren Raum. Die Schubladen eines Tisches sind gefüllt mit dünnen Bleiteilen - Buchstaben heben sich davon ab. Sie können eingefärbt und die Farbe an einen Stoff abgeben. Den Buchdruck, sagt Franssen, wolle er forcieren. "Doch erst einmal brauche ich Geduld und muss viel Knochenarbeit leisten."

Bis er jede Zutat seiner Hexenküche kennt, wird es noch etwas dauern. Doch Franssen ist zuversichtlich. "Manche ersticken im Chaos", sagt er. "Andere ziehen daraus ihre Kreativität". Bon.